Patrick Süskind: Drei Geschichten und eine Betrachtung

Frisch gelesen: Drei Geschichten und eine Betrachtung von Patrick Süskind.

Herr Süskind schreibt mit einer schwebenden Eleganz, die seine klugen, tragischen und humorvollen Geschichten hinreißend schön macht… und er tut auf eine eigentümlich selbstverständliche Art, so als wäre Erzählen für ihn wie Atmen – etwas, das einfach so sein muss.

Ich bin ein großer Fan seiner Bücher – „Die Taube“, oder auch „Die Geschichte von Herrn Sommer“ gehören zu meinen Lieblingen, die ich immer wieder lese. Wer atemlose, in sich ruhende und sprachgewaltige Geschichten über kleine große Dinge mag, ist hier richtig.

(Und jetzt mal ehrlich: Wie könnte man so etwas denn nicht mögen? Das wäre, als würde man Nougatschokolade blöd finden. Gibts ja gar nicht. 😉 )

Filmkritik: Zoomania 

Der Filmbösewicht (#nospoilers!) sagt am Ende des Filmes einen ziemlich klugen Satz: „Angst“, so meint er, „Angst funktioniert immer.“

Zoomania (den englischen Titel Zootopia find ich besser, weil das Wortspiel mit Utopia mehr über den Film aussagt), ist ganz im Ernst einer der besten Filme, die ich in letzter Zeit gesehen habe.

Er erzählt eine kluge Geschichte über die Probleme, mit der pluralistische Gesellschaften kämpfen. Darüber, dass es nicht reicht, vom Kopf her verstanden zu haben, dass Vorurteile falsch sind – und dass es oft auf der Gefühlsebene ganz anders aussieht. Welchen Einfluß die Medien haben, was das gesellschaftliche Bild für den Einzelnen bedeutet, und wie schnell die öffentliche Meinung kippen kann.

Grandioserweise funktioniert der Film auf zwei Ebenen – für Kinder und für Erwachsene – gleichermaßen gut, erklärt ein komplexes Thema ohne erhobenem Zeigefinger.

Er ist witzig, rasant erzählt, die Grafik ist umwerfend, die Dialoge toll geschrieben … und ich hatte bis knapp vor Ende keine Ahnung, wer der Bösewicht ist. Außerdem  kommen so tolle Filmzitate vor! Unbedingt ansehen, sonst habt ihr was verpasst. 🙂

Banksy meets Prinzessin, Drachenschleim und einen langen Rüssel

1.) Ich liebe Theater! Köhlchen und ich waren heute in „die automatische Prinzessin„. Falls ihr gerade in Wien seid, und ein Kind zu Hand habt (oder auch nicht): das Stück ist sehenswert! Das Bühnenbild ist eine exzentrisch-wildgewordene Mischung aus fahrendem Volk, Hippiestyle und Trödlerladen, die Schauspieler treten als Geschichtenerzähler auf. Orientalische Mythen, zeitgenössische Anspielungen und Zitate, Rückblenden und Überschneidungen, kindgerechte, aber komplex verwobene Erzählweise, die die vierte Wand durchbricht: Ich würde es mir nochmal ansehen.

IMG_1522

2.) In der deutschen Sprache gibt es nicht genug Synonyme für „Schleim“. Wie soll man eine vernünftige Drachengeburtsszene hinkriegen, ohne kübelweise Schleim? Falls jemand von euch Ideen hat: bewerft mich mit digitalem Schleim! 😉

3.) Heute vor der Schule, während ich auf Köhlchen gewartet habe, ist eine andere Mama aufgetaucht. Eine meiner Freundinnen und Testleserinnen.

Sie: Hey, neue Haarfarbe! Schaut cool aus.
Ich: Danke! Mit türkisgrünblauen Reflexen, hast du gesehen?
Sie: Nö, lass schaun. Ach ja! Cool! Wie kommt man auf so eine Idee?
Ich: Naja, ich schreib da doch dieses Buch über Drachen … und da dachte ich …
Sie: Im Ernst? Du bist echt ein Original! Ich mag dich.

Ööööhm… in Wien sind „Originale“ Leute, die mit Friedensrose und Leintuch unterwegs sind, nackt in Kaffeehäusern rumlaufen oder glauben, sie wären eine Straßenbahn. Vielen Dank auch! Aber schön abgefangen durch das nachgeschobene „Ich mag dich“. 😉

4.) Kind singt seit heute ständig sein neues Lieblingslied: „Man kann sagen was man will, aber der Eee-leee-fant hat den lääääängsten Rü-ssel im ganzen Laaand.“ Ich muss jedesmal ein pubertäres Grinsen unterdrücken. Ein Drama. An Tagen wie diesen zweifle ich daran, ob das noch mal was wird mit der gesetzten Ernsthaftigkeit?

5.) Vor dem Theater haben Köhlchen und ich Stencils an den Hauswänden entdeckt. Unter Garantie ein echter Banksy. Was auch sonst! *swoon*

IMG_1523

 

Nice one: Diebe und Vampire von Doris Dörrie

41vU4zSQJDL._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX324_SY324_PIkin4,BottomRight,1,22_AA346_SH20_OU03_

Ich hab mein Bücherregal ein wenig aufgeräumt und abgestaubt… *hust*

Und dabei ist mir „Diebe und Vampire“ von Doris Dörrie in die Hand gefallen, das ich irgendwann letzten Sommer gelesen habe. Die Geschichte erzählt von einer jungen Möchtegern-Autorin, die im Urlaub eine Schriftstellerin kennenlernt. Sie himmelt die „Meisterin“ (wie sie sie nennt) an, sieht in ihr all das, was sie selbst gerne wäre. Am Ende des Urlaubs lädt die Meisterin sie ein, doch einmal zu ihr nach San Francisco zu kommen. Doch der Besuch verläuft anders als geplant, denn das Leben schlägt manchmal seltsame Haken.

Ich mochte das Buch – allerdings hab ich es wahrscheinlich auch genau zum richtigen Zeitpunkt gelesen. Das Buch ist eine nachdenkliche Geschichte über das Schreiben und das Leben als Autor, darüber, wie sich Phantasie und Realität dabei vermischen, und wie schwierig es ist, vom Schreiben zu leben. Das Leben als Kreativmensch ist purer Luxus – und nicht einfach.

#offtopic – ich hab noch niemals, niemals ein schlechtes Buch aus dem Diogenes Verlag gelesen. Aber möglicherweise bin ich voreingenommen, weil ein paar meiner Lieblingsautoren dort verlegt werden.

#superofftopic: zu diesem Buchcover passt Mr. Coles Lieblingsfrage: Warum haben eigentlich alle Verleger Roman als Vorname? Harrharr. 😉

 

Mein Lieblingsbuch dieses Jahr

Mein Lieblingsbuch dieses Jahr war ganz eindeutig „Bora“ von Ruth Cerha.

Wahnsinn, kann diese Frau schreiben! Die Geschichte der Schriftstellerin Mara, ihrer keinen kroatischen Insel, dem Weg zurück zu sich selbst und einer großen Liebe hat mich wirklich bewegt. Wunderbar, was für spinnennetzfeine Bilder Ruth Cerha aufbaut, wieviele kluge und oft viel zu wahre Alltagsbeobachtungen sie in  dem Text unterbringt, ohne bemüht zu wirken.

Klappentext:
Es weht die Bora auf der kleinen kroatischen Insel, der kalte böige Fallwind, der die Boote über das Meer treibt wie Nussschalen und Unruhe in das sonnensatte Inselleben bringt. Die Schriftstellerin Mara kennt das Wechselspiel der Winde, die trockene, salzige Bora und ihren Gegenpart, den schwülen, von Süden kommenden Jugo. Schon seit Jahren verbringt sie den Sommer auf der Insel, liebt den Geruch von Oleander und wildem Rosmarin und den Inseldialekt der Fischer, die im Hafen die schillernden Goldbrassen anpreisen. Doch dieser Sommer ist anders. Eine langjährige Beziehung ist in die Brüche gegangen und das Schreiben will ihr nicht mehr gelingen. Eines Morgens kommt Andrej auf die Insel – ein Fotograf, der nicht mehr fotografieren will. Er stammt aus einer der vielen Auswandererfamilien, die aus dem kommunistischen Jugoslawien nach Amerika flohen und Jahr für Jahr in den Sommermonaten in ihre alte Heimat zurückkehren. Mara und Andrej beginnen sich zu umkreisen, so als folgten sie dem Rhythmus der Winde, zart und zerrend, rau und rastlos. Als Mara beginnt, tief in die Geschichte von Andrejs Familie vorzudringen, die von Entwurzelung und der Vermischung von Kulturen erzählt und untrennbar mit der Geschichte der Insel verknüpft ist, wird eine Entscheidung unumgänglich. In hochaufgelösten Bildern erzählt Ruth Cerha von der Begegnung zweier Suchender, für die sich unerwartet die Möglichkeit einer großen Liebe auftut. Bora. Eine Geschichte vom Wind ist ein Roman von ungezähmter Schönheit, der mit viel Feingefühl um das Wagnis wirklicher Nähe und die Bedeutung einer inneren Heimat kreist.

Hier gibts eine Leseprobe auf der Website der Autorin.