Brieftauben, Prosecco und Knalleffekt

Der Herbst ist da … unbestreitbar. Aber noch ist es warm genug, um Abende draussen zu verbringen und sich so zu fühlen, als wäre noch ein wenig länger Sommer. Zum Beispiel am Wiener Karlsplatz. Prosecco aus der Flasche trinken, während ein Straßenmusiker spielt, die Luft warm und weich ist, das Wasser im Brunnen glitzert und man die großartige Kulisse genießen kann … perfekt, seufz.

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Am Tag darauf, dann ein echter Knalleffekt … ich war nachmittags daheim und hab am Buch geschrieben. Draußen Gewitter, drinnen gemütlich warm, neben mir mein schnurrender Co-Autor und eine Tasse Kaffee. Plötzlich ein gewaltiger Knall – ein paar Meter von meinem Haus entfernt hatte der Blitz in einen Strommasten eingeschlagen! So nah hab ich das noch nie erlebt. Bin in den Keller getrapst und hab den FI wieder aktiviert. Die Nachbarschaft war natürlich in heller Aufregung… ich hab Tiefkühlsachen von stromlosen Nachbarn in Asyl genommen und eine ältere Dame beruhigt. Überall Brandgeruch und Holzsplitter.

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Und ich dachte so – Glück gehabt, ein paar Meter weiter und es wäre mein Haus gewesen. Und es nichtmal irgendetwas kaputt! Yay! 🙂

Aber natüüürlich war das ein wenig zu optimistisch … es hat nur ein bisschen gedauert, bis ich bemerkt hab, was alles kaputt geworden ist: Die Wärmepumpe, das Modem, der Switch und ein paar andere Geräte waren einfach tot. Die nächsten Tage war ich neben meiner Arbeit damit beschäftigt, Servicetechniker zu bestellen und Geräte zu ersetzen. Trotzdem haben Köhlchen und ich eine Woche ohne Dusche und Internet verbracht – wobei für Köhlchen die Internetlosigkeit das deutlich schlimmere Los war. Ich für meinen Teil hab festgestellt, was für ein unfassbarer Luxus es ist, jederzeit unter die Dusche springen zu können. Sich jedesmal bei Freunden dafür einladen zu müssen, stört den königlichen Groove doch enorm. Auch für meinen zweiten Beruf als Fotografin war das Ganze ärgerlich – Fotos liefern ohne Internet? Meh. Hab kurz überlegt, auf Brieftauben umzusatteln. 😉

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Für meinen Blogpost über die Allmächtigen Makrelen hab ich so viel Feedback bekommen – Wow. Danke! Von Leserinnen, zufälligen Blogbesuchern, Freundinnen, Freundinnen von Freundinnen und Bekannten. Die Nachrichten waren berührend. So viele Menschen, die mir von den Dingen erzählt haben, die sie alleine mit sich ausmachen. Aus Angst, zur Last zu fallen. Aus Scham. Aus dem Gefühl heraus, das doch eigentlich schaffen zu müssen, oder nicht schlecht über geliebte Menschen reden zu wollen. Aus der Angst heraus, verletzt zu werden, wenn man sagt, was man fühlt, und sich damit verletzlich macht. Aber alle waren sich einig: es ist befreiend, über das zu reden, was uns belastet. Sich hinzustellen und zu sagen: Das bin ich, mein Leben ist nicht perfekt, ich hab auch nicht immer Ahnung, was ich da mache – aber mir tut was weh, ich brauch Hilfe oder einfach nur jemanden, der mir zuhört.

Ich hab im letzten Jahr einige Bücher über persönliche Entwicklung gelesen – manchmal zur Ablenkung, aber oft auch aus dem Gefühl heraus, dass mein Leben jetzt ganz neu beginnt und ich vieles besser machen will. Ein Rat war in allen Büchern gleich: Sich ein Ziel suchen, so hoch und unmöglich es auch sein mag, und dann daran arbeiten. Babysteps. Dranbleiben, auch an den mühsamen Tagen. Egal, ob man abnehmen will, dem Beruf wechseln, in ein anderes Land ziehen oder eine neue Sprache lernen … Veränderung ist immer Arbeit und macht Angst. Aber diese Angst ist ne gute Sache. Ein bisschen wie Geburtswehen. Weil sie zeigt, dass das, was man da tut, wichtig ist. Und durchhalten ist unsexy und an vielen Tagen total nervig. Aber notwendig, wenn man irgendwann mal irgendwas richtig gut können will, wenn man irgendwas erreichen will. Vor ein paar Tagen hab ich dann dieses Zitat hier gefunden –

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… und gedacht: Das ist vielleicht unser größtes Problem, als Gesellschaft. Da sind so unendliche viele Möglichkeiten. Es gibt so viele Berufe und Versionen von uns selbst – wer wollen wir sein? Und verpassen wir ein besseres Leben, wenn wir uns für etwas entscheiden? Wir kaufen und konsumieren und werfen weg, weil reparieren sich nicht lohnt und alles ohnehin immer verfügbar ist. Wir verlieren uns in Möglichkeiten und Oberflächen. Ich weiß nicht, ob das nicht eine Art sich selbst vergrößerndes Problem ist: Die Leere und Einsamkeit, die dieser Lebensstil zurücklässt, muss gefüllt werden. Mit immer mehr. Ich glaube nur nicht, dass more of the same jemals voll und glücklich machen kann. Auch wenn es heute sicher viel schwerer ist, sich für etwas zu entscheiden, als es das noch vor einigen Jahren war: The Paradox of Choice.

 

 

 

 

 

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