Jolanda bloggt: Müllcontainer, Maden und mein Boss

Wir füttern die Hungrigen dieser Welt, aber nur gegen Cash. So läuft das, in den Burgerbuden der Stadt. Weiter vorne strahlen junge Mitarbeiter den Bestellungen entgegen. Doch je weiter man sich in dieses Reich aus spritzendem Fett und brutzelndem Fleisch vorwagt, desto mehr gestrandete Existenzen findet man vor.

Wie Frau Weiß, die Abwäscherin, deren Name Programm ist. Deren Augen sich niemals auf eine Richtung einigen können, sondern wie ein zerstrittenes Ehepaar wässrigblau auseinanderblicken. Oder wie Willy, auf dessen Glatze sich Schweißperlen sammeln wie Kronjuwelen, während seine knotigen Arme die Fleischpatties wenden, bis die Tropfen zu schwer werden und dann wie Regen auf den Grill fallen. Dort tanzen sie für einen Moment hysterisch zwischen all dem Fleisch, bis sie sich in Luft auflösen.

Hinter dem Lokal stehen schließlich die Müllcontainer. Riesig und eckig und schwarz. Ihre Bäuche sind gefüllt mit dem, was wir den delikaten Geschmacksknospen unserer Gäste nicht mehr zumuten können. Jeder Burger, der älter als 15 Minuten ist, findet hier seine Ruhe. Zu hunderten liegen sie da:  rund und runzelig, umgeben von einem Meer erektil dysfunktionaler Kartoffelstäbchen. Aus irgendeinem Grund muss ich dann immer an Kreuzfahrten für Rentner denken.

Unser Geschäftsleiter glaubt an uns, und an das Team, er glaubt an Zielsetzung, den Firmenslogan, an Dreijahrespläne, Mitarbeitergespäche und flache Hierarchien.

Aber er glaubt nicht daran, 16 Minuten alte Burger gratis an hungrige Mitarbeiter zu verteilen. Wo bleibt die Motivation, fragt er. Ihr wollt keine Almosen. Ihr wollt keinen Abfall. Ihr wollt ehrlich Leistung für perfekte Qualität. Nur Dinge, für die man bezahlt, nähren auch die Seele. Das seid ihr euch schuldig. Das seid ihr euch wert.

Und so wandern die Burger in den Eimer, und einer von uns trägt den Eimer nach draußen, zu den Containern.

Ein paar Lebewesen gibt es, die sich dann aber doch für diesen Dreck interessieren: Im Sommer leben dichte Schwärme an grünlich schillernden Fleischfliegen dort. Wenn man die Hand auf das sonnenwarme Plastik des Containers legt, kann man das Summen spüren. Fast so, als würde eine unheilige Macht versuchen, das tote Fleisch darin wie in einem Inkubator zum Leben zu erwecken.

Ich halte dann die Luft an und versuche mich vorzubereiten, aber der Verwesungsgeruch spielt mit schleimig-grünen Fingern an meinem Gaumenzäpfchen. Ich würge, während der süßliche Geruch immer neue Flügelträger herbeiruft. Dann kleben die Burger in meinem Eimer fest, denn die Sauce nach Art des Hauses verwandelt sich bei weniger als vierzig Grad in eine schmierig-solide Angelegenheit.

Ich stochere fluchend herum, während Gürkchen und fleischige Scheiben und welker Salat langsam ins Rutschen kommen. Dann sehe ich in den Abgrund, und der dunkle Container ist viel zu hell, ist ausgekleidet mit einer weißen, Licht reflektierenden Masse. Wenn der Inhalt meines Eimers auf sie herabregnet, teilt sie sich wie ein einziger Organismus, laufen Wellen wie durch Wasser. Das Geräusch der kleinen Münder in ihren weißen Leibern liegt als Knistern unter dem Summen ihrer geflügelten Eltern. Sie winden sich gegeneinander, als wäre das Leben eine gewaltige Swingerparty.

Im Winter ist es besser. Die Kälte hält das Essen frisch und den Geruch neutral. Keine Fliegen, keine Fliegenkinder. Dann sitzen statt dessen Krähen auf der Betonmauer neben den Containern und warten mit schwarzgrün gefiedertem Blick, bis einer von uns den Deckel hochstemmt. Sie flattern, krächzen und hüpfen hin und her, ihre schwarzen Krallen schleifen über den rauen Stein.

Ich mag Krähen. Und mein Gedächtnis ist lückenhaft. Dann vergesse ich auf die Regeln.

Denn unser Restaurantleiter hat streng verboten, die Deckel der Container offen zu lassen. Schäbige Tiere sind das, sagt er. Keine Leistung, keine Ehre, keine Motivation. Es macht ihn wütend, dass die Krähen sich kein Beispiel nehmen. An Löwen oder anderen stolzen Tieren, die ihr Fleisch erlegen, und danach erhaben unter Bäumen rasten. Nicht betteln. Oder sich wie Ungeziefer in dunkle Ecken drücken.

Wir hatten schon öfter ein Gespräch wegen meiner Einstellung, nicht nur was Müllcontainerabdeckungen und Krähen angeht. Ich nicke und blicke an ihm vorbei auf die Uhr, die hier die wahre Macht besitzt: sie zerhackt meine Schicht in Minuten und Sekunden, bis nichts mehr vor ihr über ist. Mein Boss redet und redet und redet. So hat jeder von uns seine Rolle, und niemand ist wirklich zufrieden – denn ich will heim und er ein Publikum, das ihn zu schätzen weiß.

Er spricht schneller und lächelt, und beugt sich zu mir, und fährt sich mit den Fingern durchs Haar, das ihm wie ein glänzender Vorhang in die Stirn fällt. Jolanda, sagt er. Aus dir kann doch etwas werden.

Ich schweige in sein Arschgesicht, und seine Verwirrung wird größer. Er wartet darauf, dass der Zauber wirkt, dass ich mich so verhalte, wie Frauen das in seinem Universum eben tun. Denn er ist grotesk gutaussehend. Er fährt Porsche, hat sehr weiße, sehr regelmäßige Zähne und jede Woche eine neue Freundin, immer ein wenig edelnuttig. Neben seiner Frau, natürlich. Seine Frau ist sehr schlank, sehr teuer und sehr gut frisiert. Vermutlich kann man mit ihr keinen Sex haben, so wie man mit Porzellanpuppen nicht wirklich spielen darf. Nur zum Anschauen. Nur zum Hinsetzen. Nur zum Herzeigen.

In seinem Leben ist alles eine Opportunity, eine Challenge, ein Stepping Stone. Johannes heißt er, der Mann mit dem Kopf voller Motivationsposter-Sprüche, aber natürlich sind alle per Hannes mit ihm. Klingt viel jugendlicher, viel erfolgreicher. Passt auch besser zu dem kess aufgestellten Kragen seines Polohemds und seiner Pilotenbrille.

Seit ein paar Wochen mehren sich nun die Vorfälle. Es muss jemand sein, der nicht hier arbeitet. Immerhin bin ich hier normalerweise der einzige Geist, der stets verneint, in dieser von einem Interiordesigner aufgeblasenen Frittenbude.

Die anderen umkreisen Hannes´ Lächeln wie die Sonne: Knapp nach ihrer Einstellung voll glückselig taumelnder Hoffnung, so als hätten sie eine Tüte in Motivationspostergröße geraucht. Später, wenn sich das Frittierfett monoton in ihre Adern gefressen hat, erstarren sie in gelatinöser Hoffnungslosigkeit. Aber niemals, niemals mißachten sie die Regeln. Seine Regeln.

Und doch tut es irgend jemand. Sie finden weiter statt, die kleinen Verstöße: Manchmal sind die metallischen Schnallen an den Deckeln der Container nicht verschlossen. Manchmal blühen knallbunte Kartonverpackungen wie Blumen auf dem Betonboden, manchmal spielt der Wind mit knisternd weißem Einwickelpapier. Manchmal liegen Burgerhälften auf der Mauer, hübsch angerichtet für die Krähen, wie ein Bankett.

Hannes schäumt. Gutaussehend natürlich. Er sucht das Gespräch mit der konzerninternen Supervision. Überdenkt zwischen stylischen Topfpflanzen seinen Führungsstil. Kann keinen Fehler finden. Führt Gespräche mit uns. Schwört uns auf seine Linie ein. Wir sitzen alle in einem Boot, sagt er. Wehret den Anfängen. Ihr könnt mir alles sagen. Es ist kein Verrat, wenn ihr diesen Kollegen verratet. Dieses Kollegenschwein. Wir sitzen alle in einem Boot, aber das Boot ist voll. Denn für Verräter ist hier kein Platz.

Und so sehr ich es auch genieße, Hannes im Zustand äußerster Bestürzung und mit nicht mehr ganz optimal sitzendem Haar zu sehen … so sehr will ich es auch wissen. Die Lösung liegt außerhalb, da bin ich sicher. Draußen in der Nacht.

6 Gedanken zu “Jolanda bloggt: Müllcontainer, Maden und mein Boss

  1. Hallo, Jolanda!
    Mir wäre gerade beinahe mein Mittagessen wieder hochgekommen – vor allen Dingen weil es ein selbstgemachter Burger mit Fleisch und Brötchen und Sauce und so war. Außerdem war ich noch nie so froh, einen Chef zu haben, der ein bisschen aussieht wie ein Seebär, auch wenn mich sein Senior irgendwann noch in den Wahnsinn treibt.
    Du hast wirklich ein Talent dafür Dinge sehr bildlich zu beschreiben, Jolanda. Und dafür schöne Wörter zu benutzen. Immer weiter so. 😉
    @Charlotte: Kann es sein, dass du dich von FM3 abzulenken versuchst? Ein kleines Bisschen vielleicht? 😉
    LG, m

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