Wanderlust, Vampire & Pralinen: Ein Interview mit meiner Lektorin Andrea Weil

Da unter meinen Blogleserinnen auch eine Menge Autorinnen bzw angehender Autorinnen sind, dachte ich mir, ihr interessiert euch vielleicht für ein paar Einblicke ins Leben einer Lektorin? Und vielleicht ist ja auch für die ein oder andere Buch-Aficionada etwas dabei 🙂

Andrea Weil, einer meinen beiden Lektorinnen, war so lieb und hat sich für ein Interview bereit erklärt. Sie hat gemeinsam mit der Textehexe Susanne Pavlovic Teil 1 und Teil 2 meiner Finley Meadows-Reihe lektoriert.

Und jetzt, auf zum Interview:

Hallo Andrea … danke, dass du dir Zeit nimmst!
Danke für dein Interesse 🙂

Du schreibst ja auch selbst. Hat sich deine Tätigkeit als Lektorin aus deinem Schreiben entwickelt? Oder umgekehrt?
Das Schreiben war zuerst da. Ich hab das Schreiben schon als Kind geliebt und mir Geschichten ausgedacht. Mit elf schickte ich mein erstes „Manuskript“ an einen Verlag . Die Absage der Lektorin hab ich heute noch, weil sie sich wahnsinnig Mühe gegeben hat, mir Mut zu machen.
Dann habe ich eine journalistische Ausbildung durchlaufen, ein sehr praxisnahes Studium, später Volontariat bei einer Tageszeitung, und schließlich als Redakteurin gearbeitet. Das hat mir nicht nur geholfen, meinen eigenen Stil zu entwickeln, sondern auch, andere Texte zu bewerten und Autoren zu betreuen. Und es lehrte mich Demut : Nur, weil ich es bei anderen kritisieren kann, mache ich es in meinen eigenen Texten längst nicht besser. Man wird als Verfasser immer „betriebsblind“.

Wie teilt sich deine Arbeitszeit ungefähr auf – zwischen eigenen Schreibprojekten und deiner Arbeit als Lektorin?
Momentan komme ich nicht so viel zum Schreiben, wie ich gerne möchte, deshalb mag ich jetzt keine Prozentzahlen schätzen. Das darf meine liebe Agentin gar nicht hören! Aber ich bin erst seit einem guten Jahr selbständig, muss mich am Markt etablieren und meinen Lebensunterhalt verdienen. Die Kooperation mit der Textehexe ist mir da eine unschätzbare Hilfe. Außerdem bin ich sehr dankbar, dass ich sie als erfahrenere Kollegin immer um Rat fragen kann. Gerade das Lektorieren macht mir jedes Mal wieder Lust, mich an meine eigenen Projekte zu schmeißen. Das passiert dann meistens abends. Oder nachts im Bett, wo mir die besten Ideen kommen. Deshalb hab ich immer Zettel und Stift im Nachttisch.

Für alle, die sich unter der Arbeit einer Lektorin nichts vorstellen können: Was macht eine Lektorin eigentlich so den ganzen Tag lang? Liegt ihr auf der Couch rum und futtert Pralinen, während ihr genüsslich in Bestsellern schmökert? Welche Art Pralinen? 😉
Belgische Muschelpralinen mit Nougat, mjammjam.  Ich setze mich morgens mit einer Kanne Tee an den Schreibtisch und lese meist direkt am Bildschirm, damit ich gleich an den richtigen Stellen Kommentare einfügen kann. Länger als eine Stunde am Stück kann sich der Mensch rein von seinen biologischen Voraussetzungen her gar nicht konzentrieren. Also lege ich immer wieder Pausen ein, in denen ich einkaufen gehe oder auch mal einen Termin für meine Lokalzeitung wahrnehme. Irgendwas, was mir das Gehirn durchpustet, damit ich frisch an den Computer zurückkehren an. Als Freischaffende kann ich mir ja meine Zeit selbst einteilen. Allerdings sitze ich abends auch oft bis zehn oder elf noch dran. Aber da ich meinen Beruf liebe, stört mich das wenig.

Für all die Indie-Autoren da draußen, die noch unsicher sind: Warum ist ein Lektorat wichtig? Was bringt die Arbeit einer Lektorin für ein Buch?
Wie ich schon sagte: Jeder wird betriebsblind. Und so wichtig Freunde und Familie als Testleser sind, sie haben keinen neutralen Blick aufs Werk. Ein Profilektorat ist sehr umfassend. Meistens mache ich mit meinen Kunden zwei Lektoratsdurchgänge aus: Im ersten konzentriere ich mich auf den Inhalt, Widersprüche, Spannungsbögen, Show, don’t tell, Charakterentwicklung und so weiter. Bekomme ich das Manuskript überarbeitet zurück, geht es um Stil, Satzbau, um das Vernichten böser, überflüssiger Adverbien und Adjektive (hat jemand gemerkt, dass ich gerade welche vetrwendet hab?), Rechtschreib- und Grammatikfehler. Auch wenn ich keine hundertprozentige Garantie fürs Korrektorat übernehme. Ich hab auch schon mit Autoren Coachings gemacht, wenn sie mit ihren Projekten nicht weiterkamen und nicht wussten, warum. Dann lese ich, was sie haben, und wir sprechen am Telefon über Erzählperspektiven oder woran es sonst noch so hakt. Ich verstehe, das ist eine Menge Geld, was man für ein Profilektorat ausgibt. Aber man bekommt auch eine Menge dafür und kann viel mitnehmen für das nächste Projekt. Bisher ist jedes Buch besser geworden – finde ich und sagen auch meine Kunden.

Welche Frage hört mal als Lektorin öfter mal? Welche Bemerkung? Was kann man irgendwann gar nicht mehr hören?
Hm, es sind mehr gewisse Grundhaltungen, die einem öfter begegnen: Dieser Zweifel, warum das „so viel“ Geld kostet, wenn doch jeder Lesen in der Schule lernt. Und dann die Erwartung, dass man dafür gefälligst ein druckreifes Manuskript zurückliefert. Aber ich bin kein Ghostwriter. Ich weise auf Probleme im Text hin und gebe Anregungen, doch lösen muss sie der Autor selbst. Ich hab viel zu viel Respekt vor seinem Werk, um da noch mehr dran rumzupfuschen! Ganz davon abgesehen, dass das noch ganz andere Honorarsätze wären. Aber solche Leute gibt es zum Glück selten. Jedoch muss ich viele Autoren dran erinnern, dass sie immer noch die Herren ihrer Schöpfung sind: Wenn ihnen eine meiner Anmerkungen nicht einleuchtet, können sie sie auch übergehen.

Ein häufiges Gegenargument von Indie-Autoren ist, dass ein Lektorat den Stil und die Sprache des Autors zerstört. Was denkst du darüber?
Es ist eine Gratwanderung, keine Frage. Es gibt immer einen Punkt, an dem ich mich frage: Ist dein Vorschlag jetzt besser oder gefällt er dir nur besser? Im letzteren Fall streiche ich ihn wieder. Aber es gibt recht weit verbreitete Regeln, wie man sie immer wieder in Schreibratgebern findet (wie dem fantastischen „Das Leben und das Schreiben von Stephen King), die es dem Leser leichter machen, sich mit einer Figur zu identifizieren, in eine Szene einzutauchen, Spannung zu empfinden. Ein Autor sollte natürlich seinen individuellen Stil entwickeln, denn das macht ein Buch lesenswert. Aber er sollte auch bereit sein, an sich zu arbeiten. Oder er kann einen Stil pflegen, mit dem leider die große Mehrheit der Leserschaft wenig anfangen kann. Vielleicht gewinnt man damit einen Nobelpreis, aber meistens nicht mal das. Im Elfenbeinturm kann es schrecklich einsam werden.

Hast du ein Haustier? Irgendein schräges Erlebnis mit deinem Tier?
Ich bin mit Hunden aufgewachsen, aber momentan lebe ich im vierten Stock eines Plattenbaus, ohne Garten und mit wenig Zeit, das würde ich niemals einem Hund antun. Auch keiner Katze. So richtig schräge Erlebnisse fallen mir gar nicht ein. Ich weiß noch, wie unser neuer Familienhund Tesha sich noch beim Züchter einen Virus zuzog. Ich verbrachte die erste Nacht damit, alle zehn Minuten Durchfall aufzuwischen und ein armes Würmchen zu trösten. Am nächsten Tag trafen sich alle Welpen im Wartezimmer des Tierarztes. Sie schliefen nach der Begrüßung in einem großen Knäuel in der Mitte des Raums ein – bis auf Tesha. Die  legte sich zu mir. Das war so süß!

Erzähl uns doch etwas über deine Schreibprojekte… Was hast du veröffentlicht? Woran arbeitest du gerade?
Bislag gibt es zwei Sachbücher von mir: Meine Diplomarbeit über den Stuttgarter Journalisten Erich Schairer und seinen Widerstand gegen die Nationalsozialisten, unter dem Titel „Der öffentlichen Meinung entgegentreten“. Und gerade ist eine Sammlung von Anekdoten aus dem DDR-Alltag meiner neuen Heimat Schwedt erschienen. Ansonsten habe ich einige Kurzgeschichten im Wolf Magazin veröffentlicht, zuletzt auch in Anthologien. Aktuell arbeite ich an weiteren Beiträgen für Kurzgeschichtensammlungen, habe einen Blog (www.grenzverkehr.blogspot.de) eine Kolumne bei www.literra.info und schreibe einen Vampirroman, für den mir meine Agentur Ashera einen Verlag vermittelt hat. Für meinen eigentlichen Erstling, ein Werwolfroman auf dem neusten Stand der Wolfsforschung, sucht sie noch einen. Ich bin da ganz geduldig, die Freude am Schreiben ist mir fast genug – aber nur fast. Mein Vampirroman geht von der Prämisse aus, dass es auch hässliche Vampire geben muss, und hat außerdem Regionalkrimi-Elemente.

Was sind die schlimmste Fehler, die immer wieder in Büchern vorkommen? Wobei rollen sich deine Zehennägel ein, wenn du es liest? ( … grinste die Autorin sinister, während sie mit ihrem Stift filigrane Muster auf rosenblütenweißes Blatt Papier malte.)
So richtig rollen sie sich bei mir, wenn jemand lachen, schmunzeln oder grinsen als Ersatz für „sagen“ hernimmt. Das kommt in so vielen schlechten Lokalzeitungsartikeln vor, dass ich schon von Berufs wegen einen Hass darauf entwickelt hab. Es ist sogar rein körperlich unmöglich, gleichzeitig zu reden und zu lachen. Probiert es aus! Man sagt etwas und muss dann aufhören, wenn einen das Lachen übermannt. Mein zweites Hassobjekt sind Adverbien. Im besten Fall sind sie überflüssig, im schlimmsten albern. „Er nickte zustimmend.“ Ja nu… zumindest in unserem Kulturkreis gibt es ablehnendes Nicken auch gar nicht. Das klingt nach Kleinigkeiten, aber sie verderben mir jeden Lesespaß. Und im Gegensatz zu großen Fehlern wie Widersprüche und Klischees findet man die leider auch in fertig gedruckten Büchern noch viel zu oft.

Lieblingsbuch?
Schwer. Lieblingsautor ist leichter: Peter S. Beagle. Vielleicht „I see by my outfit“, ein Roadtrip, den er in den 60ern beschrieben hat und der leider nie ins Deutsche übersetzt wurde.

Liebligsfilm?
Kommt auf die Stimmung an. Pan’s Labyrinth, The Dark Knight, Stand by me, Lost in Translation … Unter den in den jüngsten Jahren herausgekommenen: Her. Und Guardians of the Galaxy heben immer meine Laune.

Lieblingsmusik?
Ich mag meistens nur einzelne Lieder, dafür eine Bandbreite von Reinhard Mey über Mittelalterbands bis zu Guns N‘ Roses, Van Canto und Abney Park.

Wie gehts dir, wenn du zum Vergnügen liest? Kannst du da abschalten? Oder wispert dann ständig eine Stimme „Sterbt Adverbien, sterbt“ in deinem Kopf?
Ja, das tut sie leider tatsächlich. Zum Glück lese ich ohnehin viel auf Englisch, da kann ich den Lektor besser zum Schweigen bringen.

Ein ganz furchtbar schlechter Witz?
Steht ein Pils im Wald. Kommt ein Reh vorbei und trinkt’s aus.

Du klickst auf „Like“ unter einem Statusbeitrag auf Facebook und erhältst daraufhin ein gratis Iphone und eine Million Euro von Bill Gates überwiesen, wie versprochen. Was machst du damit? Startest du eine Marienkäferzucht auf den Fischi-Inseln? Entscheidest du dich für ein Studium der Proktologie im zweiten Bildungsweg? Verfällst du dem Hedonimus und postest Fotos von dir und deiner Yacht auf Instagramm?
Erstmal würde ich sowas wahrscheinlich nicht klicken, ich bin misstrauisch im Netz. Aber wenn ich zu Geld käme, würde ich an meinem Leben wahrscheinlich wenig ändern, es nur etwas aufpimpen: neuer Computer, ein Super-Teleobjektiv für meine Kamera, ein Spektiv zum Tiere-Beobachten und eine Reise in die kanadische Wildnis. Etwas spenden und den Rest sparen für schlechtere Zeiten.

Was ist dein Lieblingswort? Welches Wort wird leider viel zu wenig benutzt?
Ich hab kein richtiges Lieblingswort, aber ich mag zum Beispiel lautmalerische Tiernamen. Crex Crex, der lateinische Name des Wachtelkönigs, gibt sehr gut den Ruf eines balzenden Männchens wieder. Ich mag es auch, wenn es deutsche Wörter in den englischen Sprachgebrauch schaffen, weil sich umgedreht immer so viele Leute über Anglizismen beschweren. „Wanderlust“ ist eins davon. „Fuhrerbunker“ fand ich weniger komisch. Und ich mag das Wort Wolldecke. Da kann ich mich gleich einkuscheln.

Kannst du dich an einen lustigen Fehler erinnern, der dir mal in einem Buch beim Lektorieren aufgefallen ist?
Wo ich, glaub ich, am meisten gelacht habe, das war kein Fehler, das war ein kulturelles Missverständnis. Eine gewisse österreichische Autorin (schaut jetzt niemanden an) schrieb den Satz: „Nur ein paar Minuten ausrasten. Dann mache ich uns Frühstück.“ Aber ich kenne als bundesdeutsche Lektorin das Wort „ausrasten“ nur im Sinne von „durchdrehen“. Ich brauchte einige Sekunden, um zu verstehen, dass sie „ausruhen“ meinte.
(Anmerkung Charlotte: Ich hab KEINE Ahnung von welcher Autorin sie da scheibt. Ehrlich. Und ich ziehe die Frage zurück.)

Hast du einen Lieblingssatz aus einem Buch? Weil er so wahr ist, oder so perfekt formuliert, oder einfach so?
Da muss ich mich wieder dem Anglizismus-Vorwurf aussetzen, aber ich liebe Peter S. Beagle eben für seine Sprache. „Nathalie was seven, both in years, and in the number of her there sometimes seemed to be.“ Das ist höllisch schwer zu übersetzen. „Nathalie war sieben, sowohl in Jahren als auch in der Anzahl von ihr, die manchmal da zu sein schienen.“ Das klingt im Deutschen nicht so gut, aber im Original ist es eine wundervolle, knappe und doch poetische Metapher, um ein quirliges Kind zu beschreiben. Ich liebe es!

Wenn du SMS oder Mails von Freunden bekommst, hast du dann den Drang da Fehler auszubessern?
Nein. Wenn ich so nebenbei tippe, mache ich selbst genug davon.

Was war dein erstes Lieblingsbuch? Kannst du dich erinnern, wann deine Liebe zu Büchern angefangen hat?
Meine Eltern haben meiner Schwester und mir immer vorgelesen. Unsere liebsten Kinderbücher waren Der Maulwurf Grabowski, Fenny, der Wüstenduchs und Mach’s gut, kleiner Wolf. Ein Buch, das quasi mein Leben verändert hat, ist die „Wolfsaga“ von Käthe Recheis. Sie steht am Anfang meiner großen Wolfsbegeisterung und kam mir mit zwölf Jahren einfach nur magisch vor.

Würdest du gerne mal im Ausland leben? Wo?
Ich reise sehr gerne, aber ich muss nicht im Ausland leben. Ein längerer Farmstay im wilden Westen von Kanada ist noch mein Traum. Und ich habe mich in die schottische Hauptstadt Edinburgh verliebt, wegen der wahnsinnig herzlichen Einwohner und dem fantastischen kulturellen Angebot. Dort möchte ich gern noch mehr Zeit verbringen.

Dein Lieblingsverlag ruft dich an – sie brauchen eine Autorin, die den nächsten Weltbestseller schreibt: Dich! Die Marketingstrategen haben ermittelt, was im Buch unbedingt vorkommen muss, um bei der Zielgruppe so richtig einzuschlagen. Die Wörter sind: Zombie, Damenhandtasche, Lötkolben, Ligusterhecke, Bakterienbefall, Schnitzel. Nur du kannst die Sache retten! Worum gehts in deinem Buch?
Tolle Frage! Die Geschichte spielt in einer Damenhandtaschenfabrik, in der Zombies als billige Arbeitskräfte ausgebeutet werden. Sie verrichten die stumpfsinnigsten Arbeiten wie mit dem Lötkolben Muster ins Leder zu brennen. Natürlich haben sie keine Gewerkschaft, es ist eine moderne Form der Sklaverei, mitten in Deutschland! Statt mit ihrer Liebslingsspeise Gehirn werden sie mehr schlecht als recht mit Schnitzel am Leben gehalten. Eines Tages verbreitet sich unter den Arbeitern eine Epedemie aus Fäulnis-Bakterien, sie verlieren nach und nach immer mehr Körperteile. Während die skrupellosen Firmenchefs überlegen, wo sie neue Sklaven herbekommen können, schart Wunibald, unser Held, einige Zombies um sich. Sie planen einen Ausbruch durch die dichte Lingusterhecke, die das ganze Gelände umgibt, und wollen eine Heilung für ihre Kameraden finden. Wehe, die Idee klaut jetzt jemand! 😀

Danke für das tolle Interview! 🙂
Ich danke dir, das hat so viel Spaß gemacht!
LG
Andrea

 

Urbane Mythen: Kängurus

Ich liebe urbane Mythen. Ihr kennt das, oder? Diese Geschichten, die nie dem Erzähler selbst, aber immer dem Cousin des besten Freundes der Putzfrau des netten Kellners in der Kneipe gegenüber der Firma einer Bekannten passiert sind. Garantiert.

Die ein wenig Grusel und Nervenkitzel in den Alltag bringen. Hat das was mit unserer Sehnsucht nach Geschichten zu tun? Vermissen wir die Anders-Welt, die die Menschheit immer schon begleitet hat? Die wir in unserer rationalen, fortschrittlichen Welt beinahe ausgerottet haben? Vielleicht bringen sie ein wenig Lagerfeuer-knisternde Romantik. Ein wenig Stammeszugehörigkeit. Ein wenig Verbundenheit mit den mythischen Wesen, die die tiefen Wälder rund um die Menschen jahrtausendelang bevölkert haben.

Neulich war Mr. Cole mit einem australischen Kollegen in Wien unterwegs. Mr. Australia wollte nach einer Runde Wiener Schnitzel auch mal etwas Ordentliches zu essen – und so waren die beiden in einem Australischen Pub. In Wien. Angeblich gar nicht schlecht, laut australischer Meinung.

Nun hat ja jeder Österreicher, der schon mal im englischsprachigen Ausland war, die Erfahrung gemacht, dass Austria öfter mal mit Australia gleichgesetzt wird. Deswegen gibts in Wien auch T-shirts mit der Aufschrift „No Kangaroos in Austria“ zu kaufen. Ohne Schmäh! (=Kein Scherz.)

Daher waren Mr. Cole und Mr. Australia recht schnell beim Thema Kängurus. Und da hat Mr. Australia einen modernen (ungruseligen) Mythos erzählt, den ich euch unmöglich vorenthalten kann. Wie alle Mythen sehr unterhaltsam … und sehr unwahr 😉

Laut dem Mythos verwendet die ganze Welt das Wort „Känguruh“ für diese merkwürdigen, großen Beuteltiere – nur die Aboriginies nicht. Obwohl das Wort aus deren Sprache stammt. Wie kommts?

Als die Einwanderer damals auf die ersten Kängurus stießen, fragten sie die Ureinwohner (vermutlich mit Händen und Füßen) was das den für ein seltsames Tier ist. Die Antwort der Aboriginies war  „Kangaroo“ … was in ihrer Sprache „Ich verstehe dich nicht“ hieß. Und tadahh … der Name des Tieres war geboren. Eine nette Geschichte, oder?

Ein Blick ins Internet verrät einem dann aber ziemlich schnell, wie es vermutlich wirklich war: Das Wort für Känguru des besagten Aboriginies-Stammes war „gangurru“ … was dann gar nicht so weit entfernt ist vom heutigen Känguru.

Die Geschichte erinnert mich an die Erzählung „Kannitverstan“ von Johann Peter Hebel:

 

 

Montagsfrage: Liest du bei Büchern auch schonmal das Ende zuerst oder würde das dein Lesevergnügen zerstören

Die Montagsfrage kommt von Buchfresserchen 🙂

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… manchmal ist die Spannung einfach so unglaublich groß … was soll ich sagen …  Ja, ich lese manchmal das Ende vor dem Ende. Das Vergnügen am Lesen nimmt dadurch für mich nicht ab. Daher ist es mir eigentlich auch egal, wenn ich irgendwo Spoiler zu Büchern oder Filmen lese. Ich seh´ das so wie bei Liebesromanen: Da weiß man im Normalfall ja auch, wie es ausgeht. Bevor man überhaupt angefangen hat. Und trotzdem liest man das Buch. Weil beim Buch der Weg das Ziel ist, und das Ziel nur der Bonus. 🙂

Dear Prudence:

Eine meiner liebsten Kolumnen ist schon seit langem „Dear Prudence„: Advice on morals and manners. Zum einen, weil die Probleme der Ratsuchenden zwischen komplett abstrus, herzzerreißend und schundromanwürdig oszillieren. Zum anderen, weil die Schreiberin Emily Yoffe mit ihren Antworten meist voll ins Schwarze trifft – Bodenständig, direkt und mit ziemlich viel trockener Humor. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn eine Leserin anfragt, ob sie tatsächlich Kindern, die nicht aus ihrer reichen Nachbarschaft stammen, Halloween-Candy austeilen muss? Gesindel! Oder wenn ein schwules Zwillingspärchen um Rat bittet, wie sie ihrer Familie denn am besten ihre Beziehung beichten. Oder die Kinder, deren Vater darauf besteht, dass sie einmal mehrere Beerdigungen für ihn veranstalten: Für jede Geliebte eine. Damit die auch nach seinem Ableben keinen Wind voneinander kriegen.

Mit einem Wort: Großartig. Wenn ihr mal ein paar Stunden zu füllen habt, und gerade nicht wisst, nach welchen Buch ihr greifen sollt – Dear Prudence kann ich empfehlen.

Eigentlich wollte ich diesen Linktipp ja schon länger mal posten. Nun hat mich aber die Zeit überholt – seit Kurzem ist klar, dass Emily Yoffe geht. Schluchz! Ihre Nachfolgerin wird Mallory Ortberg, die ironischerweise vor Kurzem erst einen Artikel zu „Dear Prudence“ verfasst hat. Auch sehr lesenswert. Und vielversprechend, wenn es um die Zukunft der Kolumne geht.