Leseprobe FM1 … Küss mich im Sommerregen

Acht Jahre zuvor

Jake blickte auf das Bündel in seinen Armen und dann wieder in die finstere Nacht, die sich vor dem Fenster ausbreitete. Tränen rannen seine Wangen hinunter. Er machte sich nicht die Mühe, sie abzuwischen. Niemand würde seine Tränen sehen. Sie waren alleine hier.
»Ich bin dein Dad«, sagte er mit rauer Stimme zu dem Neugeborenen, das friedlich schlief. Heißer Schmerz spülte über ihn hinweg und sein Herz fühlte sich an, als würde es zerreißen.
Er atmete ein, und die Luft quälte sich mit einem kehligen Laut in seine Lunge. Das Baby bewegte sich und Jake wurde ganz still.
»Schlaf, Kleiner«, murmelte er. »Du musst mir ein bisschen helfen. Ich habe nämlich keine Ahnung von Babys.« Panik breitete sich in ihm aus. Er wollte weg von hier. Weg von diesem Ort, weg von dem, was vor ihm lag. Und gleichzeitig hätte ihn nichts in der Welt von dem Baby in seinem Arm trennen können. Sein Sohn war alles, was ihm geblieben war. Draußen auf dem Gang klapperten Schritte rhythmisch auf dem Linoleum-Boden. Er konzentrierte sich auf das Geräusch. Langsam wurde er ruhiger.
»Dein Name ist Charlie, Kleiner«, sagte er nach einer Weile. »Deine Mum hat ihn ausgesucht. Nach ihrem Großvater.« Das kleine Gesicht mit den runden Wangen verschwamm vor seinem Blick und er schluckte hart. »Sie hat dich geliebt, weißt du?«, flüsterte er. »Und ich habe ihr versprochen, gut auf dich aufzupassen. Ich werde nicht zulassen, dass dir jemand weh tut. Du musst dir keine Sorgen machen.«


Das Blitzlichtgewitter flammte draußen vor den Fenstern auf, als der schwere Royce langsam näher glitt. Nur noch vier Wagen vor ihnen, dann musste sie aussteigen. Reenie verknotete ihre Finger ineinander und blickte in die dunkle Glasscheibe neben ihr. Die Frau darin hatte ihre goldbraunen, lockigen Haare zu einer geschmackvollen Hochsteckfrisur aufgetürmt. Das Make-up war dezent, der Schmuck um ihren Hals teuer. Alles an ihr sah nach altem Geld aus.
Reenie seufzte und die Frau in der Glasscheibe tat es ihr nach. Mit angsterfüllten, braunen Augen sah ihr Spiegelbild sie an.
»Kannst du dich noch an deinen Text erinnern?«, fragte Lucien und zog eine Augenbraue in die Höhe.
»Ja«, murmelte sie und sah ihn aus den Augenwinkeln an. Er saß mit seiner üblichen nonchalanten Eleganz neben ihr. Das schwarze Haar fiel wie zufällig mit einem perfekten Schwung in seine Stirn. Der Maßanzug betonte seinen breiten Schultern, die feingliedrigen Hände hielten das Programm des heutigen Abends. Er sah gut aus, und er wusste es. Reenie unterdrückte den Wunsch, mit ihren Fingern seine Frisur zu durchwühlen. Das seidene Einstecktuch herauszureißen, mit ihrem Lippenstift ein paar Flecken auf dem blütenweißen Hemd zu hinterlassen. Seine grauen Augen beobachteten sie kühl.
»Sicher?« Nicht wie beim letzten Mal, hing wortlos in der Luft zwischen ihnen.
»Es ist eine Ehre für das Haus Demarchelier, die traditionsreiche Pariser Oper zu unterstützen. Wir freuen uns besonders auf die Premiere heute Abend. Unsere Familie ist seit jeher der Kunst und speziell der Oper eng verbunden«, leierte sie herunter.
Noch drei Autos.
»Ist das Kleid von Madame Inés?«
Reenie nickte und wünschte, er würde den Mund halten. Sie musste sich einfach nur konzentrieren. Aber wie sollte sie das, wenn er einfach nicht still sein wollte!
Es wird schon nicht so schlimm werden, diesmal schaffst du es …
Nur noch zwei Autos.
Sie zwang sich, ruhig zu atmen, und konzentrierte sich auf ihre Fingernägel. Chanel Nagellack, kunstvoll aufgetragen von der Nageldesignerin ihrer Schwiegermutter. Dezent natürlich. Nicht zu lange. Die Nägel leicht oval gefeilt. Perfekt abgestimmt auf die Garderobe.
Nur noch ein Auto.
Die grellen Lichtblitze erhellten das Wageninnere und Reenie spürte, wie sich ihre Nackenhaare sträubten. Tausend kleine, bösartige Funken tanzten über ihre Haut, und das Blut begann in ihren Ohren zu rauschen. Die Tür wurde aufgerissen und Lucien lächelte sein strahlendstes Lächeln, als er aus dem Wagen stieg.
»Lucien, hier herüber!« − »Monsieur Demarchelier, bitte sehen Sie hierher!« − »Nur ein Wort, Monsieur. Ihre Zusammenarbeit mit …«
Lucien lächelte die versammelten Reporter an und hielt Reenie galant die Hand hin, um ihr aus dem Wagen zu helfen.
Los geht’s. Knie zusammenhalten beim Aussteigen, Bauch rein, nicht zu sehr nach vorne beugen, lächeln. Und lächeln, lächeln, lächeln, betete sie im Geiste die Liste ihrer Schwiegermutter herunter.
Als sie sich erhob und in die Runde blickte, blendeten sie hunderte gleißender Blitzlichter.
»Catherine, bitte nur ein Foto!« − »Bitte sehen Sie zu mir, Madame!« − »Madame Demarchelier … Ein Foto mit Ihrem Mann vielleicht, Madame?«
Hitze breitete sich in Reenies Magen aus und flutete ihre Blutbahn. Sie lächelte angestrengt in die Runde und nickte den Reportern zu.
»Dein Lächeln wirkt aufgesetzt, meine Liebe«, würde ihre Schwiegermutter flöten. »Ich weiß wirklich nicht, warum dir das immer noch so schwer fällt, nach all der Zeit.«
Schwindel stieg in ihr auf, und sie schnappte nach Luft. Lucien zog sie in seine Arme und presste ihr einen Kuss auf die Wange, und sie spürte, wie sich die Reporter vielsagende Blicke zuwarfen.
Lucien wandte sich wieder der Presse zu. Die Lichtblitze und Gesichter verschwammen vor ihren Augen, bildeten einen verwirrenden Strudel, der sie mitzureißen drohte. Sie konzentrierte sich auf ihren Atem.
Alles ist gut. Du kannst das. Nichts wird geschehen. Die Kinder sind in Sicherheit.
Lucien schoss ihr einen ungeduldigen Blick zu und zog sie an der Hand über den roten Teppich, hin zu einem wartenden Fernsehteam.
»Lucien, Sie haben dieses Jahr unglaublich viel Erfolg gehabt: Sie haben Ihren wichtigsten Konkurrenten aufgekauft und sind damit der größte Diamanthändler in Frankreich. Außerdem bringen Sie bald Ihre erste eigene Schmuck-Kollektion heraus. Was planen Sie als Nächstes?« Lucien lächelte die blonde Reporterin mit einer gekonnten Mischung aus Charme und Bescheidenheit an. »Nun, als Nächstes freue ich mich schon auf Weihnachten im Kreise der Familie. Und natürlich auf unseren alljährlichen Silvesterempfang.« Die blonde Reporterin klimperte mit ihren verlängerten Wimpern.
»Oh, ich denke, Millionen Frauen vor den Fernsehgeräten denken jetzt eines: Lucien Demarchelier … gutaussehend, erfolgreich, wohlhabend … und obendrein noch ein Familienmann.« Sie pausierte und lächelte mit kokett gesenkten Wimpern. »Und heute haben wir die seltene Gelegenheit die Frau zu fragen, die es wissen muss: Wie fühlt es sich an, mit ihm verheiratet zu sein?«, wandte sie sich plötzlich um. Reenie schrak vor dem Mikrofon zurück. Sie spürte, wie sich die Kamera auf sie fokussierte. Die Dunkelheit hinter der Linse schien mit aller Macht aus dem Glas zu drängen, schien ihre Finger nach ihr und ihren Kindern auszustrecken. Plötzlich war kein Sauerstoff mehr in der Luft und schwarze Punkte begannen, vor ihren Augen zu tanzen.
»Ich denke, meine Frau ist charmant genug, hier zu schweigen und die Welt nicht über meine zahlreichen Fehler aufzuklären, nicht wahr, Cherié?« Lucien küsste sie aufs Haar. »Sag was«, zischte er ihr ins Ohr und lächelte dann wieder die Reporterin an. Reenie nickte mechanisch und machte einen wackeligen Schritt in Richtung der Oper. Sie musste hier weg. Das Böse konnte wieder geschehen. Hier zu stehen, war wie eine Herausforderung an das Schicksal. Alles in ihr schrie danach, wegzulaufen, und sie zitterte vor Anstrengung, diesen Impuls zu unterdrücken.
»Aber Lucien, ich bin sicher, Ihre Frau möchte auch selbst etwas dazu sagen, ne c´est pas?« Die Reporterin lächelte süßlich.
Jeder Atemzug war zäh wie Honig, und sie schwankte. Die Punkte in ihrem Blickfeld wirbelten wie dichter, schwarzer Schnee umher und machten es ihr nahezu unmöglich, etwas zu sehen.
»Gut«, krächzte sie schließlich. »Es fühlt sich gut an.«
»Na, sehen Sie! Meine Frau ist wie immer sehr nachsichtig mit mir. Was wäre ich nur ohne sie.« Lucien lächelte strahlend, schob sich zwischen Reenie und die Reporterin und drängte seine Frau in Richtung Haupteingang.
Auf den Stufen drehte er sich noch einmal um und Reenie hatte keine Wahl, als seiner Bewegung zu folgen. Blitzlichter flackerten auf und Reenie zog mechanisch die Mundwinkel nach oben. Die Treppe fiel vor ihr ab, der rote Teppich breitete sich vor ihr aus wie ein Meer aus Blut. Und am Ufer stand die Meute der Reporter, die unbarmherzig auf sie zielten. Sie schlang die Arme um sich und zitterte. Sie musste hier weg, sonst würde es wieder geschehen.
Dann waren sie plötzlich im Haus und Lucien steuerte auf die Familienloge zu. Dort angekommen ließ er sie abrupt los. Reenie taumelte und stützte sich an der mit rotem Samt bezogenen Wand ab.
»Finden Sie heraus, wer die blonde Reporterin ist, und sehen Sie zu, dass sie gefeuert wird!«, sagte Lucien, und Reenie blickte auf. Albertine, Luciens Assistentin, nickte geschäftig.
»Und du.« Er drehte sich zu Reenie um und blickte sie wütend an. »Lieferst ihnen noch mehr Munition für die Gerüchte.«
»Es tut mir leid«, flüsterte Reenie.
»Das sagst du jedes Mal, Catherine.« Er schlug mit seiner Faust gegen die Wand. »Jedes einzelne verdammte Mal.« Reenie blickte zu Boden.
»Sag mir, wie ich dir helfen kann. Sag es mir!«, schnaubte Lucien und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Ich habe weiß Gott alles probiert, aber du musst es auch selbst wollen.«
Reenie fühlte sich zu matt, um etwas zu sagen. Sie wollte nach Hause und nach ihren Kindern sehen. Lou umarmen, Lennys Wange im Schlaf streicheln. Sich vergewissern, dass alles in Ordnung war. Dass es ihnen wirklich gut ging. Lenny war noch so klein … und auch wenn Lou inzwischen ein Teenager war, wollte Reenie sie vor dem Bösen da draußen beschützen.
Sie fischte mit zitternden Fingern ihr Handy aus der Tasche und begann, eine SMS an ihre Tochter zu tippen.
Lucien blickte sie müde an. »Es ist inzwischen fünfzehn Jahre her. Wir mussten alle darüber hinwegkommen. Das musst du auch.« Reenie drehte den Kopf zur Seite und blinzelte die Tränen weg. Sie hörte ihn schnauben und blickte auf. Er streckte ihr seinen Arm hin, und sie legte ihre Hand automatisch auf seine und ließ sich von ihm zu ihrem Platz führen. Als sie an Albertine vorbeigingen, konnte sie für eine Sekunde den verächtlichen Ausdruck auf ihrem Gesicht sehen.
Du mich auch, dachte sie.


»Das hier ist eine Katastrophe, meine Liebe.« Hortensia ließ die Zeitung sinken und blickte Reenie über den Rand ihrer zierlichen Lesebrille an. Reenie nickte ihrer Schwiegermutter zu und hob stumm die Arme. Madame Inés zupfte an dem dünnen Stoff des bodenlangen Kleides und runzelte die Stirn. »Lucien nimmt doch schon nahezu alle Termine ohne dich wahr, Catherine. Er braucht dich nur einige Male im Jahr, und nicht einmal das kannst du für deinen Ehemann tun.« Hortensia nahm die Brille ab, klappte sie zusammen und legte sie auf das zierliche Tischchen neben ihrem Sofa. Seine kunstvollen Einlegearbeiten formten das Wappen der Familie Demarchelier. Zu der sie gehörte, aber nie wirklich gehören würde. Die sie wieder einmal enttäuscht hatte.
»So kann es nicht weitergehen, ma chère.« Reenie blickte aus dem Fenster, während Madame Inés vorsichtig Stecknadeln aus dem Stoff an ihrer Taille entfernte.
»Du bist Luciens Frau, Catherine, und als solche hast du Pflichten ihm und der Firma gegenüber.« Reenie sah aus den Augenwinkeln, wie sich Hortensia und Madame Inés einen Blick zuwarfen. Normalerweise wäre sie wütend geworden, aber im Moment fühlte sie sich einfach nur leer.
»Dein Auftritt letzte Woche hat alles nur noch schlimmer gemacht. Es gab zuvor schon Gerüchte, aber nun haben die ersten Magazine gewagt, sie auch zu drucken.«
Reenie blickte auf. »Welche Gerüchte?«
Sie hatte heute in der Früh keine Zeit gehabt, die abonnierten Magazine zu lesen, bevor sie Lou in die Schule und Lenny in den Kindergarten gebracht hatte. Und danach war sie direkt hierher gefahren, zur Anprobe der Abendroben für Weihnachten und Silvester.
»Oh, bitte, Kind, sei doch nicht so naiv! Du zeigst dich fast nie in der Öffentlichkeit, machst keine Charity-Arbeit, gibst keine Interviews und benimmst dich eigenartig, wenn du mal bei einem Empfang zu sehen bist. Was sollen die Leute denken?«
Reenie zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht.« Bleierne Müdigkeit machte es ihr schwer, der Unterhaltung zu folgen. Sie wollte einfach nur nach Hause.
Hortensia drehte die Zeitung und hielt sie in ihre Richtung. »Drogenprobleme im Haus Demarchelier?«, schrie es in fetten Lettern von der Titelseite. Reenie spürte, wir ihr Blut mit einem kribbelnden Gefühl aus den Wangen wich.
Hortensia setzte ihre Brille umständlich wieder auf, räusperte sich und begann zu lesen:
»Schwankender Gang, aufgedunsenes Gesicht und Verwirrtheit: Alles Zeichen von Drogenmissbrauch, die nicht zum ersten Mal an Catherine Demarchelier (36) beobachtet werden konnten. ›Ja, es ist wahr‹, bestätigen enge Freunde der Familie gegenüber der Redaktion. ›Sie hat seit Längerem ein Drogenproblem. Die Familie will es unter Verschluss zu halten, auch um die Kinder zu schützen. Lucien versucht für sie da zu sein, aber sie lehnt jede Hilfe ab.‹ Die Ehe von Catherine und Lucien Demarchelier (39) scheint in einer schweren Krise zu stecken, wie leider nicht zum ersten Mal. Schon oft machte das Paar Schlagzeilen, zum ersten Mal wegen der überstürzten Heirat während Luciens Studium in Amerika. Dann, ein Jahr später, als eine grausame Entführung …« Hortensias Stimme brach ab. Sie räusperte sich und begann von Neuem.
»Seit langem reißen die Gerüchte nicht ab, dass die Ehe der beiden nur noch auf dem Papier besteht. Lucien Demarchelier, der als Familienmensch bekannt ist, kämpft einen aussichtslosen Kampf um die Liebe seiner Frau und für seine Kinder. Doch kann er den Kampf gegen die Drogensucht gewinnen? Und wie lange wird er noch die Kraft dafür haben?«
Tränen der Wut stiegen Reenie in die Augen, und sie blinzelte, bevor sie ihr über die Wangen rollen konnten. Drogen?
»Du weißt, dass das nicht stimmt, Hortensia«, flüsterte sie heiser, als ihre Schwiegermutter geendet hatte.
»Natürlich, ma chère. Aber leider glauben die Menschen, was in solchen Magazinen geschrieben wird. Und Skandale sind schlecht für die Firma.«
Reenie nickte. Skandale sind schlecht für die Firma. Ich bin schlecht für die Firma.
»Dass Lucien versucht, dich zu schonen, ist ein Fehler. Dass er fast immer alleine zu sehen ist, hat die Gerüchte nur noch mehr angestachelt. Wenn du mit diesem Problem fertig werden willst, musst du aufhören, davor wegzulaufen.« Hortensia machte eine wegwerfende Handbewegung.
Reenie lachte bitter auf. Aufhören wegzulaufen? Endlich damit fertig werden?
Madame Inés räusperte sich, und Hortensia warf ihr einen fragenden Blick zu.
»Ich denke, dieses Kleid ist leider etwas zu … eng um den Bauch«, sagte Madame Inés und blickte zwischen Reenie und Hortensia hin und her. »Möglicherweise habe ich mich bei den Maßen geirrt, als ich sie vor ein paar Wochen genommen habe?«, schlug sie taktvoll vor.
Reenie verschränkte die Arme und stieg von dem Podest der Schneiderin herunter.
»Lass mich raten, Hortenisa: Diät, wieder einmal, oder?« Dann öffnete sie den seitlichen Reißverschluss und schälte sich aus dem Kleid. »Was immer ich auch tue, nie ist es genug. Meine Figur, meine Haare, mein Make-up, meine Nägel, mein Auftreten – nichts reicht jemals an die Standards des Hauses Demarchelier heran.« Sie zog ihre gemütlichen Jeans über ihre mangelhaften Hüften und zerrte sich dann das Shirt über den Kopf.
»Ich habe genug, Hortensia. Ich kann nicht mehr. In mir ist nichts mehr übrig, kein Fünkchen Energie, nichts mehr, das ich noch mobilisieren könnte. Ich fühle mich taub. Ausgebrannt.« Ihre Stimme zitterte und ihre Lippen waren mit einem Mal salzig von ihren Tränen. Sie war wütend auf sich selbst. Seit wann war sie so eine Heulsuse?
»Wenn Lucien es wünscht, werde ich zu diesem Empfang gehen. Und zum nächsten. Und zum übernächsten. Aber ich werde keine Diät mehr machen. Also müsst ihr das Kleid wohl ändern. Oder ich gehe einfach in Jogginghosen hin. Wir können ja sagen, dass ich gerade aus der Reha komme.«
Madame Inés machte einen Schritt zurück, als hätte Reenie ihr eine schallende Ohrfeige versetzt. Vermutlich gab es für sie nichts Grauenhafteres als Jogginghosen.
»Und jetzt gehe ich nach Hause und esse eine große Portion Schokoladeneis. Mit Schokosauce.« Ihr alten, verknöcherten Spinatwachteln.
Sie verließ das Zimmer, ohne sich umzusehen, und ging langsam die marmornen Stufen hinunter. Ihre Energie verpuffte in der kalten Weite des herrschaftlichen Stiegenhauses. Higgins, der englische Butler ihrer Schwiegermutter, tauchte lautlos neben ihr auf und warf ihr einen prüfenden Blick zu. »Soll ich Ihnen ein Taxi rufen, Madame?«
»Nein, danke. Ich werde laufen.«
»Ich denke wirklich, dass ein Taxi besser wäre angesichts Ihrer …« Er brach ab.
»… unmöglichen Erscheinung?«, ergänzte Reenie und blickte an sich herab. »Sie haben recht, Higgins, natürlich, das gäbe wieder nur Schlagzeilen. ›Catherine Demarchelier verlässt das Haus ihrer Schwiegermutter in Tränen. Hat sie ein Ultimatum bekommen? Muss sie in Reha, wenn sie die Kinder nicht verlieren will …‹« Reenie pausierte. »So in etwa würde es lauten, nicht wahr?«
Higgins blickte sie mit unleserlicher Miene an und sagte nichts.
»Reenie?«
Sie drehte sich um und musste lächelte. Die einzige Person der Familie, die sie mit ihrem Spitznamen anredete, lehnte an einer Säule am Fuß der geschwungenen Treppe und grinste sie verschmitzt an. Seine dunklen Haare fielen in wilden Wellen auf seinen Kragen, die braunen Augen blitzten, und ein Dreitagebart schattierte sein Kinn. Das Designer-Hemd war verknittert, der oberste Knopf fehlte, und die Jeans waren wie üblich mit Farbspritzern übersät.
»Kann ich dich vielleicht irgendwohin mitnehmen, Reenie? Ich wollte zufällig gerade gehen.«
»Heim, Frédéric«, sagte sie zu Luciens jüngerem Bruder. »Du kannst mich nach Hause bringen.«


Wer zum alljährlichen Silvesterempfang ins Haus der Demarcheliers eingeladen wurde, hatte es geschafft. Die Crème de la Crème von Paris versammelte sich jedes Jahr bei ihnen und tanzte gemeinsam in den Morgen. Es war das rauschendste Fest des Jahres … und Reenie hasste es. Sie hasste Silvester, hasste den ganzen Abend.
Der Gedanke an all die fremden Menschen, die durch ihr Haus wanderten, ließ Übelkeit in ihr aufsteigen. Es waren Luciens Freunde, seine Geschäftspartner und ausgewählte Reporter, die dann in den angesehensten Zeitungen und Magazinen des Landes über die »intime Feier« berichteten. Reenie runzelte die Stirn. Wenn er nur verstehen könnte, wie sehr ich das hasse. Der Gedanke, dass einer dieser Fremden in ihrem Haus herumschnüffelte, Türen öffnete, die persönlichen Gegenstände ihrer Kinder berührte … unerbittlich Informationen zusammentrug, langsam und Stück für Stück, bis …
Das surrende Geräusch der Aufzugtüren schreckte sie aus ihren Gedanken auf. Seine Schritte klangen auf dem polierten Steinboden der Halle und näherten sich rasch. Sie ließ ihr Buch sinken und blickte zu Tür. Lucien war wie immer penibel gekleidet, jede einzelne pechschwarze Strähne seiner Frisur an ihrem Platz. Seine Kleidung und seine Haltung erzählten von seinem Erfolg. Er hatte die Aura eines Mannes, der sich von Problemen nicht aufhalten ließ, der seine Pläne stets trotz aller Widerstände durchsetzte.
Was für ein Unterschied zu dem Mann, in den sie sich einst verliebt hatte – Lucien, der Student, der für jeden Unsinn zu haben gewesen war, der mit ihr beim Picknick billigen Sekt aus Plastikbechern trank und sie dann auf einer weichen Decke im Feld liebte, während rund um sie die Halme nickten und die Sonne hoch am Himmel stand. Der sämtliche ehrwürdigen Statuen am Campus mit Perücken und Plastiknasen verziert hatte, der Professorinnen mit seinem Charme dazu bringen konnte, ihm Fehlstunden nachzusehen.
Wo bist du?, dachte sie. Sie vermisste diesen Lucien plötzlich mit schmerzhafter Intensität. Mit ihm hätte sie alles besprechen können. Er hätte sie verstanden.
»Hallo, Lucien. Wie war dein Tag?«, fragte sie schließlich.
»Gut. Deiner?«
Sie hörte seinen bitteren Tonfall und sank tiefer in die dick gepolsterte Rückenlehne der wuchtigen Couch. Er hatte die Magazine natürlich auch gelesen. Wahrscheinlich hatte sie Albertine bereits vor seiner Ankunft im Büro auf seinem Schreibtisch ausgebreitet.
»Ich habe heute mit Guillaume die Arbeiten im Frühjahr geplant. Wir wollen den Vorgarten neu gestalten.« Er schnaubte und schenkte sich einen Whiskey ein.
»Dein Freund, der alte Gärtner?«, fragte er, und der Sarkasmus in seiner Stimme war schneidend.
Sie antwortete nicht, sondern drehte den Stiel ihres Weinglases zwischen ihren Fingern hin und her.
»Wo sind die Kinder?«
»Lou hat Geigenstunde und Lenny übernachtet heute bei deiner Mutter.«
Er machte ein paar Schritte auf die großen Bogenfenster zu, blieb neben den schweren Vorhängen stehen und blickte hinaus. Reenie nippte an ihrem Weinglas und schloss die Augen. Jetzt oder nie, dachte sie, besser wird seine Stimmung nicht mehr. Sie stellte das Glas ab und beobachtete für einen Moment die Reflexionen des Lichts in der tiefroten Flüssigkeit.
»Was hältst du davon, wenn die Kinder und ich dieses Jahr über Silvester verreisen? Ein nettes Hotel, Skifahren … oder wir besuchen Jill?«
Lucien drehte sich langsam um und sah sie ungläubig an.
»Mach dich nicht lächerlich, Catherine! Unsere Gäste erwarten, uns beide zu sehen, so wie jedes Jahr. Wie stellst du dir das vor?«
»Ich bin sicher, dass deine Gäste mich rasend vermissen würden«, sagte sie trocken.
Aber sie redete Blödsinn und sie wusste es. Auch wenn Reenie nie ihren Platz in der Gesellschaft gefunden hatte, wäre ihre Abwesenheit ein Skandal. Sie nahm noch einen Schluck Rotwein und blickte zu Lucien hinüber.
Er hatte die Lippen zusammengepresst. Sie wandte den Blick ab und begann, die Magazine auf dem niedrigen Tisch vor ihr ordentlich zu stapeln. Sie hätte sich am liebsten geohrfeigt dafür, mit dieser Unterhaltung begonnen zu haben.
Er durchquerte den Raum mit ein paar schnellen Schritten und ließ sich mit einer einzigen, flüssigen Bewegung neben ihr auf die Couch sinken.
»Ich verstehe dich nicht, Catherine. Was hast du erwartet?«
Sie spürte, wie ihre Wangen feucht wurden. Warum, verdammt noch mal, heulte sie in letzter Zeit bei jeder Kleinigkeit? Sie wollte nicht, dass er sie so sah, und blinzelte krampfhaft in Richtung Fenster. Jetzt reiß dich zusammen!
»Sieh mich wenigstens an, verdammt noch mal!« Lucien ergriff ihr Kinn und zwang sanft ihren Kopf herum. Von Nahem bemerkte sie die dunklen Ringe unter seinen Augen. Als er weitersprach, war seine Stimme tonlos.
»Wir geben diesen Empfang so wie jedes Jahr, Catherine. Und du wirst die Gastgeberin sein. Soweit du das kannst. Danach werden wir eine Lösung für diese Situation finden.« Er machte eine unbestimmte Handbewegung. »So kann es nicht weitergehen. Keiner von uns beiden hat das hier verdient.«
In der Stille nach seinen Worten hing die Kälte zwischen ihnen mit dunkler Körperlichkeit.
Er ließ sie sanft los und stand auf. Sie vermisste seine Berührung und hätte beinahe nach seiner Hand gegriffen. Beinahe.


Reenie stand auf der Terrasse des weitläufigen Landhauses, ihren eleganten Wintermantel über dem bodenlangen Abendkleid, das Madame Inés wie immer perfekt entworfen hatte.
Durch die riesigen Fenster sah sie die enorme Tanne, die von Hunderten kleiner Kerzen hell erleuchtet war. Die antiken Möbel ringsum glänzten sanft in ihrem Schein.
Hortensia hatte sich auf einem der Empire-Sofas niedergelassen und betrachtete Lenny, wie er mit seiner Eisenbahn spielte. Sein blondes Haar, das normalerweise in alle Richtungen stand, war heute mit Gel gebändigt. Für den neuen Anzug hatte er keinen Gedanken übrig, er rutschte gerade auf allen Vieren andächtig neben den Schienen her. Lou lehnte gemütlich neben ihrer Großmutter und tippte konzentriert auf ihrem neuen Handy herum. Ihre goldbraunen Locken waren heute dem Glätteisen der Friseurin zum Opfer gefallen. In ihrem eleganten Kleid und mit dem dezenten Make-up sah sie beinahe erwachsen aus. Und ein wenig fremd.
Reenies fröstelte, und ihr Blick wanderte weiter. Sie fand Lucien am anderen Ende des Raumes. Er lehnte an der mit dunkelgrünem Stoff tapezierten Wand neben der antiken Zimmerbar und lachte über etwas, was sein Bruder Frédéric ihm gerade erzählt hatte.
Higgins eilte mit einem Tablett voller zierlicher Mokka-Tässchen und Porzellanteller zum Speisezimmer, und der eigens engagierte Klavierspieler machte Frédérics diesjähriger Eroberung schöne Augen. Reenie musste lächeln. So wie es aussah, waren auch die Stunden dieser »Belle du Jour« gezählt. Sie würden sie wohl nicht wiedersehen. Es war also nicht so schlimm, dass sie den Namen der schwarzhaarigen Schönheit bereits wieder vergessen hatte.
Sie drehte der Szene den Rücken zu und dachte an Weihnachten in ihrem Elternhaus. Der kleine Baum, die Weihnachtsgeschichte, die ihre Oma vorlas, die Geschenke … Sie dachte an ihre Eltern und lächelte. Sie hätten sicher nicht geglaubt, dass ihre Tochter einmal zu den oberen Zehntausend von Paris zählen würde.
Reenie kuschelte sich tiefer in ihren Mantel und blickte auf den Park, der sich in der Dunkelheit vor ihr erstreckte. Die Sterne glänzten am Himmel und am Horizont funkelten die Millionen Lichter von Paris.
Ein leises Klicken riss sie aus ihren Gedanken und sie blickte auf. Frédéric kramte in seinem Smoking nach einem zerdrückten Päckchen Zigaretten, steckte sich eine an und atmete auf.
»Ahhh … Darauf freue ich mich schon die ganze Zeit.«
»Hat Lucien wie jedes Jahr versucht, dich davon zu überzeugen, endlich diese sinnlose Malerei aufzugeben und in die Firma einzusteigen?« Reenie lächelte.
Frédéric grinste und antwortete dann in gespielt nasalem Tonfall: »Eine ehrwürdige Tradition, die ich um nichts in der Welt missen möchte, liebste Schwägerin.«
Reenie gluckste und er paffte eine Weile zufrieden vor sich hin.
»Der Blick ist immer noch spektakulär, auch wenn man ihn schon seit Jahren kennt«, murmelte er dann, mehr zu sich selbst, und lehnte sich neben Reenie an die Brüstung.
»Was für eine Verschwendung, dass das Haus hier die meiste Zeit im Jahr leer steht, wenn Hortensia in Paris wohnt«, sagte Reenie.
»Nun ja, es ist ein Landsitz«, meinte Frédéric. »Man braucht ihn, um sich von den Strapazen des Stadtlebens zu erholen. Und dann kehrt man ordentlich gelangweilt und reumütig wieder in die Stadt zurück.«
Reenie lachte. »Hast du etwas Neues?«
»Zwei großformatige Arbeiten. Sie sind schon bei meinem Galeristen. Er meint, dass er sie im Nu verkauft haben wird.«
»Das wundert mich nicht. Deine Arbeiten sind großartig. Wenn Lucien es erlauben würde, hätte ich gerne mehr davon in unserem Haus.«
Er lächelte sie an.
»Die Arbeiten passen vielleicht nicht ganz zum Stil, in seinen Augen. Wie nennt er sie immer so schön … eine grauenhafte Schmiererei?«
Reenie schüttelte den Kopf. »Nimm dir das nicht zu Herzen, Frédéric. Lucien kann mit moderner Malerei einfach nichts anfangen.«
»Tja, seine Familie kann man sich nicht aussuchen, n´est ce pas? Man wird hineingeboren, egal, ob man dort glücklich werden kann oder nicht.« Es gelang ihm nicht ganz, die Bitterkeit aus seiner Stimme fernzuhalten.
Als Reenie nichts sagte, blickte er sie an.
»Das war unsensibel, ich bin ein Idiot. Wie geht es dir, Reenie?«
Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »So wie immer. Ich versuche, den Erwartungen deiner Mutter gerecht zu werden. Und ich versuche, den Kindern so viel Normalität wie möglich zu bieten.« Sie fixierte mit ihren Augen einen imaginären Punkt in dem dunklen Park vor ihnen.
»Auf Dauer kann niemand gegen seine Natur leben«, sagte er, und drückte ihre Hand.
»Ich habe keine andere Wahl. Lucien wird die Firma nicht aufgeben, und ich kann nicht darüber hinwegkommen, dass …« Sie brach ab und presste die Lippen aufeinander.
»Und er versteht das nicht. In seiner Welt ist es vorbei, wenn es vorbei ist.« Frédérics Stimme klang warm in ihren Ohren.
»Ja. Er kann nicht verstehen, dass es für mich jedes Mal wieder aufs Neue beginnt – wie sehr die Panik in mir hochsteigt, wenn jemand eine Kamera in mein Gesicht hält.« Ihre Stimme wurde immer leiser. »Ich bemühe mich, aber es klappt nicht. Und er ist enttäuscht von mir, jedes Mal aufs Neue. Ich sehe es in seinen Augen.«
»Du hast eine grauenvolle Erfahrung machen müssen, Reenie. Niemand kann von dir verlangen, dass du das einfach so vergisst. Keine Mutter könnte das! Das ist nichts, wofür du dich schämen musst.«
»Da solltest du Lucien hören.« Sie lachte trocken auf.
»Niemand kann auf Dauer gegen seine Natur leben«, wiederholte Frédéric. »Ich könnte nicht ohne meine Malerei leben. Ich wäre in der Firma eine Fehlbesetzung. Zahlen und Betriebswirtschaft und Jahrespläne … Das alles ist nichts für mich. Lucien wird irgendwann einsehen müssen, dass nicht alle Menschen so sind wie er.« Er blickte sie unverwandt an. »Es ist falsch, dich in ein Leben zu sperren, das dich kaputtmacht.«
Sie lächelte Frédéric schief an und er zog sie zu sich. Sie atmete tief ein und ließ ihren Kopf an seine Schulter sinken. Es war schön, für einen Moment nicht alleine zu sein.
»Störe ich etwa?«, fragte eine eisige Stimme hinter ihnen. Reenie machte einen hastigen Schritt zurück und blickte zu Lucien, der gerade auf den Balkon getreten war.
»Nein, Chérie. Wir haben uns nur unterhalten«, sagte sie und hasste sich dafür, wie schuldbewusst ihre Stimme klang.
»Das habe ich gesehen.« Er durchbohrte beide mit einem dunklen Blick und schwieg für einen Moment. »Maman lässt euch bitten, hineinzukommen. Der Kaffee ist serviert.«


Am Silvestermorgen blickte sich Reenie schlaftrunken in ihrer Küche um und drehte gedankenverloren ihre Locken am Hinterkopf zu einem Knoten. Wie jedes Jahr sah es rundherum aus, als hätte eine Horde verhaltensauffälliger Dreijähriger beim Kochen geholfen. Das Essen gestern Abend war gut angekommen. Zumindest bei den Männern, die Mesdames haben sich wie immer damit begnügt, das Essen von einer Seite des Tellers auf die andere zu schieben. Reenie schüttelte den Kopf. Was für eine Verschwendung.
Sie belud die Körbe des Geschirrspülers und schaltete ihn für die erste von vielen Runden ein, als sie in den Augenwinkeln eine Bewegung sah. Sie drehte sich um und fand Lucien vor sich im Türrahmen stehen.
»Guten Morgen. Es ist gut gelaufen gestern, oder? Ich denke, es waren alle zufrieden«, sagte sie und lächelte ihn an.
Er nickte und blickte zur Seite. »Warum lässt du das nicht von dem Mädchen erledigen?«
»Ach, es bleibt noch genug für sie zu tun.« Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Und ich dachte, ich fange einfach einmal an.«
Er lehnte sich gegen die Anrichte und nickte zerstreut.
»Ich denke, die Kinder und ich werden wie jedes Jahr einige Tage lang Reste essen.« Sie blickte ihn an und versuchte, den merkwürdigen Ausdruck auf seinem Gesicht zu deuten. »Lucien?«, fragte sie leise, während ein Kribbeln ihre Wirbelsäule hochkletterte.
»Wir müssen reden, Catherine.«
»Ist etwas mit den Kindern?« Reenie spürte, wie ihr Hals eng wurde.
Er runzelte die Stirn. »Ich will, dass du mir jetzt genau zuhörst. Ich habe nicht vor, diese Unterhaltung unnötig in die Länge zu ziehen.«
Sie nickte.
»Diese ganze Situation hier ist seit langem untragbar für uns beide. Du hasst das Leben hier und die Verpflichtungen, die es mit sich bringt.«
Sie versuchte nicht einmal zu widersprechen. Sie wussten beide, dass es so war.
»Aber hier ist mein Leben, Catherine. Generationen von Demarcheliers haben die Firma aufgebaut, und ich werde nicht alles hinschmeißen. Dieses Leben bringt Verpflichtungen mit sich, und ich brauche jemanden an meiner Seite, der das versteht. Der mir hilft, die Verantwortung zu tragen.«
Wovon spricht er hier gerade? Reenie kniff die Augen zusammen.
»Ich war naiv zu glauben, dass du irgendwann darüber hinwegkommen würdest. Ich hätte diese Entscheidung schon vor Jahren treffen sollen. Es tut mir leid«, fuhr er fort.
»Welche Entscheidung, Lucien?« Ihre Stimme klang seltsam dumpf in ihren Ohren.
»In zehn Minuten kommt der Wagen und fährt mich zum Flughafen. Ich fliege nach Südafrika, um einen wichtigen Geschäftspartner zu besuchen und unser Projekt dort zu überwachen. Ich werde für sechs Wochen fort sein.«
»Aber was ist mit den Kindern? Sie können sich nicht von dir verabschieden. Du hättest es ihnen gestern Abend schon sagen müssen. Lenny wird todunglücklich sein.«
»Léonard wird es schon schaffen«, sagte Lucien. »Du solltest ihn nicht verzärteln, er muss lernen, dass sich nur die Besten durchsetzen.«
Reenie verschränkte die Arme.
»Ich komme nicht zu euch zurück, Catherine.«
»Was?« Reenie starrte ihn an. Etwas Kaltes breitete sich langsam in ihrer Magengrube aus.
»Was ist mit den Kindern?«, flüsterte sie heiser.
»Ich denke, es wird vernünftiger sein, wenn sie bei dir wohnen. Du weißt selbst am besten, wie beschränkt meine Freizeit ist. Ich würde sie gerne an den Wochenenden und in den Ferien sehen. Wir werden eine Lösung finden.«
Reenie fühlte sich seltsam leicht, wie in Watte gepackt. Sie tastete blindlings nach dem nächsten Sessel und sank darauf. Er verlässt mich. Ich darf die Kinder behalten. Die Gedanken in ihrem Kopf wirbelten im Kreis herum, prallten gegeneinander und ließen nichts als einen wirren Buchstabenhaufen zurück. Das kalte Geräusch klickender Absätze auf dem Fußboden schreckte sie auf.
»Albertine.« Ihr Mann schien nicht erfreut zu sein, seine Sekretärin in der Küche zu sehen.
»Ich wollte nur sehen, wie es dir geht.« Sie lächelte ihn an.
»Ich komme gleich.«
»Nimm dir alle Zeit, die du brauchst. Ich warte draußen auf dich.«
Seit wann sind die eigentlich per du?, dachte Reenie taub, als sie Albertines wohlgeformten Hintern beim Rückzug beobachtete. Als sich die Tür leise schloss, schüttelte sie langsam den Kopf.
»Ach so ist das«, sagte sie mit einer Stimme, die durch Watte zu kommen schien.
»Albertine hat nichts damit zu tun«, sagte er und wich ihrem Blick aus.
Reenie schloss die Augen. Die Sekretärin. Natürlich. Und wer hatte nichts davon bemerkt? Übelkeit kletterte ihre Speiseröhre hinauf und sie schluckte. Sie musste ein Glas Wasser trinken, aber ihre Knie waren zu weich, um aufzustehen.
»Hast du schon eine Idee, wo du wohnen wirst? Ich nehme an, dass du nicht in diesem Haus wohnen möchtest?«
Sie schüttelte den Kopf. Sie wusste es nicht. Sie wusste gar nichts mehr.
»Ich denke, dass eine gemütliche Wohnung in Paris genau das richtige für euch sein wird. Möglicherweise in der Nähe meiner Mutter.«
Sie starrte ihn ungläubig an. Nur über meine Leiche! Ich bin mir sicher, Hortensia kann die Scheidung gar nicht schnell genug gehen. Auf Ratschläge von ihr kann ich in Zukunft verzichten.
»Es wäre gut, wenn du den Umzug bald organisieren könntest. Denkst du, dass ein Monat reichen wird?«
»Wovon sollen wir leben, Lucien? Wie stellst du dir das vor? Ich …« Reenie brach ab. Was sollte sie auch sagen? Ich habe nie gearbeitet, weil es  furchtbar bourgeois ist, wenn die Ehefrau arbeitet. Ich habe keinen Beruf, keine Erfahrung, kein abgeschlossenes Studium. Was soll aus uns werden?
»Hältst du mich für ein Monster? Ich habe veranlasst, dass dir ein Konto für die erste Zeit eingerichtet wird. Danach werden wir eine Regelung für den Unterhalt finden.«
Er hatte ihr ein Konto eingerichtet. Sie musste in einem Monat ausziehen. Er würde Unterhalt bezahlen und die Kinder an den Wochenenden sehen. Wie praktisch. Wie vorausschauend. Wie kalt. Wie konnte er ihr gemeinsames Leben, ihre Familie so nüchtern betrachten?
»Liebst du mich noch, Lucien?«, fragte sie leise.
Er zögerte, dann ging er. In der Tür blieb er kurz stehen, drehte sich um und sah an ihr vorbei zum Fenster hinaus.
»Liebe war nie unser Problem, Catherine.« Seine Stimme klang heiser.
Damit verließ er ihr Leben, ohne sie noch einmal anzusehen.


Jill fühlte sich, als hätte sie erst vor Minuten die Augen geschlossen, als das schrille Piepsen des Handys sie aus dem Schlaf riss. Sie murmelte ein paar Unfreundlichkeiten und tastete auf dem Nachttisch nach dem elektronischen Quälgeist.
»Hallo?«, knurrte sie ins Telefon.
»Jill? Ich bin’s.«
»Reenie?« Jill rappelte sich auf und warf einen Blick auf den Radiowecker. 02:25 blinzelte ihr in roter Leuchtschrift entgegen. Kein Wunder, immerhin lebte ihre beste Freundin ja auf der anderen Seite des Atlantik.
»Ist etwas passiert?«
»Lucien will die Scheidung.«
»Was?« Jill war mit einem Schlag hellwach. Sie knipste die kleine Lampe auf ihrem Nachttisch an.
»Er hat es mir gerade eben gesagt.«
»Jetzt? Was ist passiert?«
»Er will, dass ich in sechs Wochen ausgezogen bin, Jill.«
Jill schwieg. In sechs Wochen? Da hat es wohl jemand eilig, seine neue Freundin einzuquartieren.
»Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich fühle mich so … taub«, fuhr Reenie fort. »Ich bin mir nicht sicher, ob das hier nicht ein Traum ist, Jill. Ist es das? Wenn ich heute Abend schlafen gehe, wache ich dann morgen in der Früh auf und alles ist wie immer?«
Jill hörte die seltsame Apathie in der Stimme ihrer besten Freundin. Vermutlich steht sie unter Schock. Sie hätte Reenie gerne umarmt.
Sie schüttelte den Kopf. Für Gefühlschaos blieb später noch genug Zeit, jetzt brauchten sie einen Plan. Und da gab es eigentlich nur einen: Reenie und die Kinder mussten nach Finley Meadows kommen.
»Ich sag dir was – du packst das Notwendigste für euch, schnappst dir die Kinder und kommst her. Ich buche eure Tickets und lasse sie am Flughafen hinterlegen. Und wenn ihr hier seid, dann überlegen wir, wie es weitergehen soll. Wie hört sich das an?«
Reenie antwortete nicht gleich.
»Aber wo werden wir wohnen? In deiner Wohnung ist kein Platz, vor allem, seit deine Mutter bei dir eingezogen ist. Und was ist mit Lou? Sie muss in ein paar Tagen zurück in die Schule.«
Jills Gehirn arbeitete fieberhaft.
»Und was ist mit unseren restlichen Sachen? Ich glaube nicht, dass ich es schaffe, dieses Haus noch einmal zu betreten, wenn ich einmal gegangen bin.«
Jill schwieg. Das waren viele gute Fragen und sie würden Antworten finden müssen. Wenn auch nicht für alle auf einmal, mitten in der Nacht. Sie rieb sich die Augen.
»Was eure Wohnung angeht, hab ich schon so eine Idee. Und wegen Lous Schulplatz erkundige ich mich. Mach dir keine Sorgen, Reenie. Du packst einfach eure Sachen und kommst her. Denkst du, du kannst das?«
»Ja. Ich denke schon.« Reenies Stimme klang matt durchs Telefon.
»Du schaffst das, Reenie. Ich hab dich lieb.«
»Oh, ich höre Lenny. Ich muss jetzt Frühstück für die Kinder machen.«
»Wir hören uns dann später, in Ordnung? Ruf mich an, wenn du die Kinder versorgt hast, dann besprechen wir alles.«
»Ok.«
Ein leises Klicken, und die Verbindung war getrennt. Jill drehte das Telefon geistesabwesend in ihren Händen hin und her. Die Lampe zeichnete einen Kreis aus warmem Licht auf die Bettdecke. Sie schloss probeweise die Augen und ließ sich in die Kissen zurücksinken. Aber wie erwartet wirbelten die Gedanken in ihrem Kopf herum und sie wusste, dass an Schlaf nicht mehr zu denken war.
Warum hatte Lucien gerade jetzt beschlossen, die Scheidung einzureichen? Sicher hatte er Reenie betrogen! Jill spürte, wie heiße Wut in ihrem Bauch aufflammte. Nach all den Jahren, in denen Reenie an seiner Seite unglücklich gewesen war! Der Typ hatte wirklich Nerven.
»Ist nicht zu ändern«, murmelte sie und schlug die Bettdecke zurück. Dann tappte sie barfuß über den kalten Boden in Richtung Küche, um sich Tee zu machen. Sie hatte noch eine Menge zu organisieren, und wenn sie nicht schlafen konnte, dann würde sie eben gleich damit anfangen.
Unter der Küchentür hindurch schimmerte Licht ins dunkle Vorzimmer und klassische Musik perlte durch die Luft. Jill seufzte und öffnete die Tür.
»Kannst du nicht schlafen, Mum?«, fragte sie die schlanke, weißhaarige Frau, die über den Küchentisch gebeugt in einem dicken Kochbuch las.
»Wie üblich, mein Schatz.« Adele blickte auf und lächelte ihre Tochter an. Dann runzelte sie die Stirn und der Blick aus ihren kornblumenblauen Augen wurde besorgt. »Aber warum bist du munter? Hattest du einen Albtraum?«
»Ich erzähle dir gleich alles, aber zuerst brauche ich Tee. Möchtest du auch eine Tasse?«
Adele nickte lächelnd, und Jill war zum ersten Mal froh, ihre Mutter mitten in der Nacht munter angetroffen zu haben. Sie konnte Hilfe gut gebrauchen.


Reenie ließ den Blick über das Chaos schweifen und beschloss, dass es Zeit für eine Pause war. Sie streckte sich, und ihr Rücken protestierte mit einem knirschenden Geräusch. Auf müden Füßen wanderte sie in die Küche, um sich einen Café crème zu genehmigen.
Einige Minuten später saß sie auf einem der eleganten schwarzen Barhocker und nahm einen kleinen Schluck aus der filigranen Kaffeetasse. Sie schloss die Augen. Das komplexe Aroma der Spezialröstung legte sich samtig über ihren Gaumen und sie lächelte. Diese Art von Kaffee würde sie vermissen. Sie öffnete die Augen und blickte umher.
Auf der Kochinsel in der Mitte der glänzenden Küche stapelten sich Dokumente, To-Do-Listen, eselsohrige Angebote von Speditionen, Quittungen und noch mehr To-Do-Listen. Waghalsig aufgetürmte Kartons blockierten ihre Sicht.
Montagmorgen würde die Spedition alle Kisten verladen und sie würden sich auf den langen Weg via Containerschiff über den Atlantik machen. Doch Montagmorgen würden sie und die Kinder bereits in Finley Meadows sein. Bilder von der kleinen Stadt tauchten vor ihrem inneren Auge auf und sie horchte in sich hinein. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie bald dort leben würde. Bisher war es einfach ein großartiger Ort gewesen, um Ferien bei ihrer besten Freundin zu machen.
Sie wusste, dass sie hätte traurig sein müssen. Oder wütend. Aber sie fühlte nichts. Da war nur eine gähnende Leere. Diese Dunkelheit hatte alles aufgesogen, hatte sich in ihr breitgemacht und sie ausgefüllt.
Die Türklingel riss sie aus ihren Gedanken, und Reenie glitt vom Hocker. Sie schnappte sich den Hörer der Gegensprechanlage.
»Hallo?«
»Hallo. Hier ist Albertine.«
»Ich brauche keine Hilfe, danke. Ich denke, das haben wir schon am Telefon besprochen, Albertine.« Reenie versuchte, ihre Stimme möglichst herablassend und autoritär klingen zu lassen. Die Geliebte ihres Mannes fehlte ihr gerade noch!
»Ich bin nicht hier, um zu helfen, Catherine«, kam die zuckersüße Antwort durch den Lautsprecher. »Ich bin hier, um mit meiner Designerin die Änderungen im Haus zu besprechen.«
Reenie taumelte zurück, als hätte sie einen elektrischen Schlag bekommen, und ließ den Hörer fallen.
»Catherine?«, quäkte Albertines Stimme aus dem Hörer, der am Kabel hin und her baumelte. Kurz darauf drehte sich ein Schlüssel im Schloss, und die Haustür öffnete sich. Albertine stöckelte durch die Tür und warf ihren Pelzmantel achtlos auf das kleine Tischchen in der Halle. Hinter ihr kam eine junge, blonde Frau herein, die Arme voller Stoffmuster.
»Das hier«, Albertine gestikulierte, »werden wir wohl komplett neu gestalten müssen.« Sie warf der jungen Frau einen fragenden Blick zu. »Ich dachte an Trompe-l’œil-Malerei, die würde ganz hervorragend mit dem Marmor harmonieren, denken Sie nicht auch?« Albertine deutete mit einer dramatischen Geste auf die Wand gegenüber der Eingangstür. »Vielleicht eine griechische Landschaft?« Sie legte ihren Finger unters Kinn und betrachtete nachdenklich die Wand.
»Was willst du hier?« Reenie unterdrückte mühsam die blubbernde Wut in ihrem Bauch und machte einen Schritt vorwärts. Und noch einen.
»Oh, Catherine. Es stört dich doch nicht, dass ich meinen Schlüssel benutzt habe? Lucien hat ihn mir gegeben.«
»Ah.« Reenies Hals war wie ausgetrocknet und sie spürte, wie flammendheißes Blut in ihre Wangen stieg. Wie konnte Lucien sie so demütigen?
»Und ich habe noch tausend Dinge zu erledigen, bis unsere Verlobung bekanntgegeben wird, da dachte ich, es stört dich bestimmt nicht, wenn ich schon einmal vorbeikomme.«
Reenie starrte die beiden einige Sekunden lang an. Albertines Lächeln hing triumphierend in ihrem Gesicht, und die junge Designerin blickte betreten zur Seite.
In Reenies Kopf wirbelten die Beleidigungen durcheinander und sie hatte das Gefühl, gleich zu platzen. Sie knirschte mit den Zähnen, drehte sich auf dem Absatz um und ließ die beiden einfach stehen. Diese blöde Kuh war es nicht wert, und sie würde ihr keine Munition liefern.
Wieder in der Küche, versuchte sich Reenie auf ihre Listen zu konzentrieren, als Lou durch die Tür gepoltert kam.
»Mum?«
»Hallo, mein Schatz.« Reenie blickte auf und lächelte müde. »Wo ist Lenny?«
»Der kommt gleich. Er hat in Großmutters Wagen eine Murmel verloren und Laurence hilft ihm suchen.« Sie grinste. »Ich denke, Großmutters Angestellte werden froh sein, wenn wir endlich abgereist sind. Du hättest sehen sollen, was Lenny heute beim Frühstück mit dem Nutella angestellt hat. Higgins wäre beinahe in Ohnmacht gefallen.«
Reenie nickte. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie der unterkühlte Chauffeur ihrer Schwiegermutter es hasste, eine kleine Glasmurmel in dem schweren Mercedes zu suchen. Normalerweise freute sie sich diebisch, wenn ihr Nachwuchs etwas Schwung in Hortensias wohlgepflegten Haushalt brachte, aber Albertines überhebliches Grinsen ließ sich einfach nicht aus ihrem Kopf vertreiben.
»Möchtest du etwas essen?«, fragte sie schließlich und ging im Geiste den Inhalt des Kühlschranks durch. Viel war nicht mehr über. Wahrscheinlich würden sie Pizza bestellen müssen.
Lou nickte und legte den Kopf schief.
»Hast du Besuch, Mum?«
»Albertine ist hier.«
»Albertine? Was will sie?« Lous Augen funkelten, und sie schob das Kinn nach vorne.
»Offensichtlich … ähm … will dein Vater die Gelegenheit beim Schopf ergreifen und … das Haus ein wenig renovieren«, versuchte Reenie ihrer Tochter die Situation diplomatisch zu erklären. »Und Albertine leitet die Renovierung.«
»Mum.« Lou verdrehte die Augen. »Ich bin kein Kind mehr, weißt du? Dass Dad uns wegen diesem Flittchen abserviert hat, ist kein Geheimnis bei uns an der Schule.«
»Lou! Seit wann verwenden wir solche Ausdrücke in diesem Haus?«
»Wenn es doch wahr ist.«
»Dein Vater und ich haben uns auseinandergelebt, das kommt vor. Und unsere Trennung bedeutet nicht, dass er euch nicht mehr liebt.«
»Wer’s glaubt.« Lou legte die Stirn in Falten und drehte den Kopf zur Küchentür. Dahinter wurde Albertines nasale Stimme lauter, untermalt vom aufgeregten Geklapper ihrer Manolos.
Mit Schwung öffnete sie die Tür und stolzierte herein, die namenlose Designerin immer noch an ihren Fersen.
»Bei der Umgestaltung der Küche werden wir uns ganz auf Sie verlassen. Ich werde nicht viel Zeit hier verbringen, wofür gibt es schließlich Haushälterinnen …« Sie unterbrach sich, als sie bemerkte, dass sie nicht alleine waren.
»Eloise! Das ist aber eine Überraschung.« Albertine lächelte Lou an.
»Nicht wirklich. Ich wohne hier noch, weißt du?«, versetzte Lou trocken.
»Und das soll auch immer dein Zuhause bleiben, Cherié«, flötete Albertine. »Ich habe meiner Interior-Designerin strengste Anweisungen gegeben, an euren Zimmern nichts zu ändern. Wenn ihr euren Vater besucht, werdet ihr euch wie zu Hause fühlen.«
»Da bin ich aber beruhigt,«, antwortete Lou. »Ich dachte schon, wir müssten mit deinen neureichen Geschmacklosigkeiten auch in unseren Zimmern leben.«
Reenie betrachtete mit Interesse, wie Albertines sorgsam zurechtgemachte Gesichtszüge entgleisten. Das Husten der Designerin klang verdächtig nach einem unterdrückten Lachen, und Lou hakte sich mit einem strahlenden Lächeln bei ihrer Mutter ein.
»Komm, Mum. Wir suchen Lenny.«
Reenie lächelte Albertine an, zuckte mit ihren Schultern und folgte ihrer wunderbaren, aufmüpfigen Tochter durch die Tür hinaus. Albertines mörderischer Gesichtsausdruck war der schönste Anblick seit Langem.

Wie es mit Reenie und den Kindern weitergeht, erfahrt ihr in „Küss mich im Sommerregen„.

2 Gedanken zu “Leseprobe FM1 … Küss mich im Sommerregen

  1. Mir gefällt der Beginn sehr gut! Wer ist Jake, wie kam es zu diesem Moment und wie geht es weiter? Einen besseren Start für eine Story kann man sich gar nicht wünschen außer, dass sich einem Fragen über Fragen stellen 🙂

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